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Jahresrückblick - 2004


Das Jahr ist rum. Schon zwei Wochen. Dass ich trotzdem noch nicht alles gekauft habe, was ich im Jahre 2004 an Tonträgern zu kaufen vorhatte, liegt nicht daran, dass 2004 ein gutes musikalisches Jahr war. Es war solide, aber ein Stück entfernt von "gut". Eine breite Masse von netten Alben, aber kein Überflieger, keine wunderbare Überraschung, keine musikalische Offenbarung. Damit sie nicht in Vergessenheit geraten, gleich am Anfang eine Liste der Alben, derer ich mich mangels Geld oder Zeit noch nicht gewidmet habe (die Begehrtesten in der Liste weiter oben):

1. Pan Sonic - Kesto. 4 CDs, instrumental, elektronisch, ein Konzept.
2. Disillusion - Back to times of splendor. Ich mag das Cover nicht, aber die Musik scheint genial. Progressiver (Death) Metal.
3. Dillinger Escape Plan - Miss Machine. Ohne Worte.
4. Guapo - Five Suns. Schwerer Lavarock. Zheul. Schon alleine wegen dem Cover.
5. Aeon Spoke. Muss ja hören, was meine Freunde von Cynic auf die Beine gestellt haben.
Außerdem Alben von Ion Dissonance, Fennesz, Paik, Roitan, Handsome Boy Modeling School. Blood Brothers und Arcade Fire kommen wohl nächstes Jahr auf die Bestenliste.
Nicht, dass einer denkt, ich hätte was vergessen. Die Liste(n) ist nicht für ewig. Wird aber nach dieser Aufstellung auch nicht mehr verändert.

Top 10, Alles in allem:

1. Björk - Medulla.
Dachte lange Zeit nicht, dass das Album auf Platz 1 bleiben würde, aber es kam entgegen meiner Erwartungen nichts besseres. Was natürlich nicht heißt, dass die CD nicht spitze wäre. Im Gegenteil: Mit Post mein Lieblingsalbum. Und teilweise gar nicht soweit davon entfernt, wie einige uns Glauben machten. Anstatt herkömmliche Instrumente zu verwenden, wird hier der Mund benutzt, der Kehlkopf. Natürlich gibt's auch ein bisschen elektronisches Geplucker (u.a. wieder von Matmos), aber das fällt nicht weiter störend auf.
Mit Gästen wie Patton, Rahzel (Human Beatbox) und Tagaq nimmt sie ein Album auf, dass natürlich nicht innovativ oder Avantgarde ist, aber Stimmungen schafft, wie kein zweites. Gleichzeitig undurchdringlich finster und lichtdurchflutet kommen Tracks wie das sexuell aufgeladene "pleasure is all mine", das treibende "where is the line" und "mouth's cradle" daher. Und es ist wohl eins von Björks besten Werken, weil sie sich auf ihre Stärken besinnt. Mit Stimmen hantieren. Intuitiv findet sie immer die Strukturen, die den Song am besten kleiden. Die besten Songs bleiben aber die ruhigeren: "Show me forgiveness" ist das intimste Stück, dem ich seit langem beiwohnen konnte und in "ancestors" werden die Stimmen so gekonnt übereinander geschichtet, als habe Björk nie etwas anderes gemacht.
P.S. Ein Album, wo Chöre wie aus einem Fantasyfilm nicht weiter stören muss einfach gut sein.

2. Ghost - Hypnotic Underworld
Leider bei uns weitgehend unbekannte Japaner, die sich dem Progrock verschrieben haben. In japanischer Gründlichkeit wurde sich dabei jegliches westliches progressives Musikmaterial aus drei Jahrezehnten angeeignet und anschließend in eine eigene Formensprache übertragen. Dass die Band instrumental nahe an der Grenze zur Perfektion spielt, sollte nebenbei angemerkt werden. Die Produktion ist ebenso sauber. Das einzige Problem des Albums: Der vierteilige Titeltrack erdrückt in seiner unglaublichen musikalischen Ausdrucksvielfalt die anderen sieben Songs. Erinnert ein klein wenig an Pink Floyd in der Umma Gumma-Phase, aber mit japanischer Atmosphäre. Im ersten Teil werden einem expressionistische Klangwelten offenbart, die etwas an Free Jazz erinnern, wenn die Musiker Valium geschluckt haben. Was nicht negativ gemeint ist. In den weiteren drei Teilen schälen sich in Intensität steigende Rhythmen und Melodien aus dem Wust, die auch noch nach dem zehnten Hören einige Details offenbaren, bis dann im dritten Teil ein kleiner Hit (inkl. Gesang) entpuppt, der dann in einem kongenialen Finale gipfelt. Song des Jahres. Kein Zweifel.
Die einzigen Songs, die da noch halbwegs standhalten können sind "Kiseichukan Nite", der japanischste und meditativste des Albums und "Ganagmanag", quasi Krautrock (wechselhafter allerdings) auf japanisch.

3. Sophia - People are like Seasons
Es brauchte seine Zeit bis ich mich an die poppigen Themen des neuen Albums gewöhnt habe. Auch der neue Abwechslungreichtum war mir fremd und erinnerte eher an God Machine, Proper Shepards Band vor Sophia. Aber nach vier-fünf Durchläufen war klar: Auch das Teil ist ein voller Erfolg. Zwar nicht ganz so intim wie das Debüt, nicht ganz so schön wie der Vorgänger ("Infinite Circle"), aber mit anderen Qualitäten, die schon beschrieben wurden. Melancholischer Gitarrenpop bis wütender Alternative Rock, immer mit Stil, Charme und dem Händchen für die richtigen Melodien zur richtigen Zeit. Nur "swore to myself" und "holidays are nice" hätten nicht sein müssen - das macht aber der Übersong des Albums "Desert Song No.2", der in einem gigantischen Finale kulminiert, wieder wett.

4. Modest Mouse - Good News for People who love bad news
Die ersten 11 Songs lang denke ich immer, das müsste das Album des Jahres sein. Indierock, vielfältig, eigenständig, mit extrem langer Halbwertszeit und guten Texten. Und mein Gott, diese Melodien, wie in "The World at large", "Float on", "Bury me with it" und "Bukowski"! Die Energie von "Dance Hall" und "The View"! Diese unglaubliche, schlingernde Stimme, die ich zuerst fürchterlich fand, dann aber tief in mein Herz schloss. Gegen Ende wird's aber belangloser und etwas halbherzig, bis auf "Black Cadillacs" wie ein Rattenschwanz. Drei Songs, die wohl etwas wie einen sanften Ausklang darstellen wollen, sich aber fast in Langeweile ertränken. CUT! Tolles Album.

5. Wilco - A Ghost is born
Der Krautrock hat ihn nicht geschafft, er hat den Krautrock geschafft. [es ist von jeff tweedy die rede] Wobei dann alles doch nicht so extrem war, wie ursprünglich angenommen. Lediglich "Spiders" und "Less than you think", von denen nur das erste wirklich gelungen ist, versinken in hypnotischen Rhythmen und seltsamen Geräuschen (die sich im Zweiten als immer lauter werdendes Störgeräusch äußern). Daneben gibt's die seit dem letzten Album bekannte Mischung aus perfekten Popsongs ("Muzzle of Bees", "Hummingbird", "Handshake Drugs" Theologians"), die bei genauerem Hinhören stets ein paar Überraschungen parat haben, und ein paar düster-melancholische Seltsamkeiten wie "At least that's what you said" und "Hell is Chrome". Nicht ganz an "Yankee Hotel Foxtrot" heranreichend, aber immer noch toll.

6. Trevor Dunn's Trio Convulsant - Sister Phantom Owlfish
(Free) Jazz von einem, der bei Mr. Bungle spielte. Klar, was auch sonst. Dazu noch ein paar Metal/Noiserock Einsprengsel und fertig ist der Eulenfisch. Sehr einnehmend, allerdings kann man nix nebenbei machen. Perfekt geeignet für Kopfhörerspaziergang durch Plattenbauviertel.

7. Fiery Furnaces - Blueberry Boat
Wie mache ich Bekannten deutlich, was in meinem Gehirn abgeht Teil I: Fiery Furnaces. Ein Geschwisterpaar schnappt sich sämtliche rumstehenden Instrumente, spielen drauf, was das Gehirn hergibt und singen dazu (gar nicht mal schlecht) komische Sachen über verlorene Hunde und Bananen. Ab und zu schwillt dann auch noch der Casio Keyboard Adapter an und man meint, man ist im Superbegabten Kindergarten gelandet. Um einen herum nur hyperaktive Kinder, die Gedankengrenzen einfach einreißen. Herausgekommen ist ein Haufen Songs, die zwischen 2 und 10 Minuten lang sind. Wobei die Grenzen in der Tat ziemlich willkürlich gesetzt worden sind - alle zwei Minuten ändert sich sowieso wieder alles und die tolle Melodie von vorhin ist schon wieder Geschichte. Trotzdem klingt das so, als wäre da irgendwo ein Faden. Nicht unbedingt rot, vielleicht eher blau, aber irgendwann will er gefunden werden.

8. Devandra Banhart - Rejoicing in the hands
Die tollste, intimste, abwechslungsreichste und schönste Folkplatte seit Jahren. Nur Gitarre und Gesang, und trotzdem immer wieder neues zu entdecken. Hach.

9. Vincent and Mr. Green - Same
Trip Hop auf Ipecac. Hört sich gut an, der Satz. Hört sich gut an, die Platte. Entfernt wie Portishead. Aber dann doch anders und genaugenommen auch kein Trip Hop. Aber Hip Hop (nie Rap). Und Indiepop. Und Ambient. Und Ami-Roots-Einflüsse. Auf jeden Fall immer chillig, dennoch immer spannend und düster erotisch. Es singt Frau Vincent. Es spielt Mr. Green. Tolles Gespann.

10. Daughters - Canada Songs
Wie mache ich Bekannten klar, was in meinem Kopf vorgeht, Teil II: Die aggressive Seite. Die Gitarren schwirren umher wie Hornissen, die Drums prügeln wie Chirurgen mit Messern im Boxring, der Sänger keift wie eine Hausfrau, die einen Fleck auf dem Teppich entdeckt hat. Das alles wechselt dann zehnmal in der Minute das Thema und zack - ist wieder ein Song vorbei. Gut, dass die CD nach eine Viertelstunde (inkl. Bonustracks) vorbei ist - mehr würde man im Kopf nicht aushalten.

Ansonsten gut:

Alternative + Indie

The Libertines - same
Wie die Erste, nur nicht ganz so gut, sagt man. Stimmt. Das raue Live-Feeling vermisst man schon, die neue Konzentration ist aber auch nicht schlecht.

Rudy Trouve Sextett - 2002-2003
Schöner, ruhiger verschrobener Indiepop aus Antwerpen.

Woven Hand - Consider the Birds
Jetzt noch näher an Sixteen Horsepower dran. Geniale erste Hälfte des Albums, von alttestamentarischer Härte und Intensität. Danach etwas ruhiger und weniger auffällig.

The Veils - the runaway found
XTC-Sängerssohn macht Musik. Erstaunlich gute, zwischen säuselndem Retropop und kernigerem Britpop. Inklusive dem Song des Jahres "Guiding Light".

Coheed and Cambria - In keeping secrets of silent earth III
Eine Art Progressive Emorock. Als hätten At The Drive-In King Crimson und Jimmy Eat World verschluckt. Manchmal verschluckt sich das Album an sich selbst, meistens geht's aber gut.

Harte Schweine

Klar, Neurosis, Isis und Mastodon muss man haben. Kamen irgendwie aus dem gleichen Schmelztiegel, der Metal, Alternative, Noise, Melodie - Hass, Trauer, Melancholie, Schwermut und Aggression zusammenpresste. Mittlerweile in verschiedene Richtungen entwickelt. Neurosis sind alt und weise geworden, sie zelebrieren ihre melancholischen Klanggemälde innerhalb vom tosenden Sturm und singen Klagelieder über die Welt in symbolbehafteter Prosa. Kommen immer näher an das Bild gotischer Ruinen heran. Isis dagegen betrachten die Welt von oben. Daher Panopticon. Mit Mitteln des Progressive Rocks malen sie ihre bedächtigen, sich langsam steigernden Bilder, die einen schlussendlich zu zermalmen drohen, ehe sie wieder in sich zusammenfallen (leider stört der Gesang etwas). Mastodon schließlich sind fast die Motörhead des Trios. Immer darauf bedacht, auch zu rocken, entbehrt es den überwiegend kurzen Songs nie an zermalmender Wucht und Komplexität, besonders im Drumbereich. Ein Konzeptalbum über die Monstrosität des Meeres übrigens. Und genauso wirkt es. Jede Assoziation mit Motörhead wieder streichen.

Necrophagist - Epitaph
Ich war zuerst enttäuscht, ob des Fehlens von instrumentalen Geilheiten. Man muss schon öfter und genauer hinhören, dass man all die geschickt in den Songs verwobenen Details wahrnimmt, aber gerade das macht das Album aus. Hier wird - jetzt als Band - mehr Wert auf die Durchschlagskraft des Songs gelegt, als beispielsweise bei Pavor, die letztes Jahr an dieser Stelle standen. Leider etwas kurz, 8 Songs und 33 Minuten. Hätte gerne mehr gehört.

My Dying Bride - Songs of Darkness...
Beschissenstes Cover des Jahres. Aber die Musik ist wieder einmal toll. My Dying Bride typisch, verzweifelter Gothic-Doom-Death, aber diesmal erstaunlich eingängig. Und wieder toll die Texte mitzulesen.


Beats und Elektro

Magnus - Body gave you everything
Tom Barman, Kopf von dEUS und CJ Bolland, ein holländischer Techno-DJ machen gemeinsame Sache. Raus kommt, wie nicht anders zu erwarten, ein Konglomerat aus elektronischer Tanzmusik und Indiepop-Songstrukturen mit Gesang. Erstaunlich dagegen ist, dass das Ganze funktioniert und recht eigenständig klingt (klingt nur ab und an komischerweise nach der Elektrophase von U2). Macht Spaß, besonders im Sommer.

DJ Krush - Jaku
Kaum noch Hip Hop (nur drei-vier Stücke), dafür umso mehr japanische Einflüsse, fast schon meditativ teilweise. Besonders schön bei Dunkelheit im Bambusbett.

End. - Sounds of Desaster
Breakbeat mit Jungle bildet wohl die Grundlage für dieses irre Album. Darüber gibt's die verschiedensten Stilarten. Oldie, Easy Listening, Trötenmusik, Rock(abilly), Avantgarde, Noise usw. Kommt so gut wie nie zum Stillstand und danach fühlt man sich geradezu körperlich überanstrengt. Toll.


Und Sonst So

Social Distortion
haben ein neues Album rausgebracht. Kommt natürlich nicht an den Vorgänger ran, ist aber schön, Ness wieder singen zu hören und die ersten drei Tracks sind einfach toll! Sweet Nostalgia...

Einstürzende Neubauten - Perpetuum Mobile
Die Neubauten verfolgen ihren Kurs weiter. Von der Dekonstruktion aller Songstrukturen auf dem Weg zur Konstruktion von Songs mittels Werkzeuge der Dekonstruktion. Oder so. Es klingt auf jeden Fall noch immer einzigartig, wenn auch nicht wirklich überraschend nach den letzten zwei Alben. Aber mittlerweile sind sie wirklich in ihrem Element und können mit den aberwitzigsten Mitteln einen tollen Popsong hinkriegen. Interessanter sind aber die komplexeren Songs wie der Titeltrack.

Liars - They were wrong, so we drowned
Es war mal eine von den typischen "The" Bands. Dann entschlossen sie wohl, dass ihnen das zu klischeehaft wird und machten ein Konzeptalbum über Hexen (!). Das klingt genauso, wie man sich so etwas vorzustellen hat. Leiernd, düster, mystisch und mit nichts auf der Welt vergleichbar. Revolutionärstes Album 2004.

Kaada/Patton - Romances
Schwelgerische Landschaften und schwebende Früchte des Meeres. Alle Titel auf französisch. Patton mit Kaada, dem schwedischen Popverdreher. Zwei Songs klingen wie Parts von Faith No More, die einen Pornosoundtrack aufnehmen (in diesen singt! Patton sogar). Ansonsten gibt's viel kitschigen Schmu (der bei Fantomas mit hartem Metal konterkariert wird), aber mit so viel Überzeugungskraft dargeboten, dass man glaubt, zu schweben.

Morrissey - You are the quarry
Hachja, diese Gesangsmelodien.


Und Live?

Die Eintrittspreise waren schon happig, dieses Jahr. Dennoch einige Sachen gesehen. Grenzenlos fantastisch waren natürlich Fantomas (Platz 1). Ebenfalls toll: Fun'Da'Mental mitsamt der Mighty Zulu Nation (Platz 2) und Sioen und dEUS auf dem Haldern Pop (3 und 4). Das war's auch schon an wirklich tollen Konzerten. Auf dass 2005 besser werde.

stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!