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Psychedelic Avengers Space Experience:Hypnos 69, Colour Haze - Berlin, Insel, am 21.05.2005








Eine tolle Idee: Ein Festival, das sich ganz der Science-Fiction, der Fantasie, der Psychedelik widmete. Mit Musik (in erster Linie), Film und Literatur (in zweiter Linie) und Deko und Lichtinstallation (nebenbei eben). Das alles im Jugendkulturzentrum auf der schönen Berliner Insel am Treptower Park. Mag sich vielleicht abschreckend für alle Nicht-Insider, -Freaks und -Nerds anhören, aber letztendlich wäre es wohl auch für die toll gewesen. So abgedreht war das Alles dann nämlich doch nicht. Es war nur ein bisschen viel auf einmal, aber dazu später mehr.

Um ehrlich zu sein waren mir von den zahlreichen Bands (genauer gesagt neun) auf dem nur 8 Euro (!!)Eintritt kostenden Festival nur eine bekannt. Und das waren die belgischen Hypnos 69, die mir schon auf Konserve die Sinne mit ihrem Psychedelischen Heavy Doom Rock verzerrten - gleichzeitig aber auch Arsch traten und mit nachvollziehbaren Melodien lockten. Nur original mit Saxophon, gespielt von Steven Marx, der seit knapp zwei Jahren fest mit von der Partie ist und dem Hypnos 69 Sound das gewisse Etwas hinzufügt. Obwohl ich mit Saxophon in der Rockmusik höchst selten etwas anzufangen weiß.

Zuerst gab es aber die Live-Kollaboration von Ameisenautomat und Niagara Gain zu bestaunen, oder - je nach Standpunkt - zu begähnen. Niagara Gain sind berühmt für ihre unsteten und seltenen Bühnenauftritte, und dafür, psychedelisch-experimentellen Drone als White Noise zu bezeichnen. Ameisenautomat drehen viele Knöpfchen, zupfen mal an Gitarrensaiten und verdrehen ansonsten den Sound.
Es waren eine Menge Leute, die dort Musik- oder besser: Soundschwaden entstehen ließen. Sieben passten auf die Bühne, drei (Ameisenautomat) hielten sich rechts daneben auf. Zusammen bedienten sie ganz versunken in ihren Sound viele Gitarren (bis zu vier Stück), Keyboard, Bass, Drums und ein paar elektronische Klangerzeuger und Klangverfremder. So gut wie kein Gesang. Alles in allem war die Zusammenarbeit fruchtbar und kaum zum Gähnen, auch wenn über weite Strecken lediglich kaum dechiffrierbares Wabern durch den Raum hallte: Interessant war das doch und kam stellenweise wunderbar nah an die legendäre "Tab25" Mini-CD von Monster Magnet heran. Über ein permanentes, dumpfes Grundgrollen und -wabern gossen sich schwere Riffs, träumerische Keyboardflächen und ab und zu auch mal ein nachvollziehbarer Groove. Jedenfalls ließ sich dazu fantastisch die schöne Lightshow und die Nebelspeier begutachten, um dabei abzudriften. Keine neue Erfahrung, wie vielleicht von den Mitwirkenden gedacht, eine schöne bewusstseinserweiternde Erfahrung ganz ohne Drogen trotzdem. Applaus. Niagara Gain im Netz

Das einzig dumme am Festival war die Aufteilung der Bühnen auf drei Geschosse, was natürlich der Raumsituation der Insel geschuldet war. Aber auch der Planung. Um nicht den Anfang von Hypnos 69 zu verpassen, die schlussendlich eine dreiviertelstunde zu spät dran waren, musste der geneigte Fan dauernd runterrennen, um dann doch zu erkennen, dass noch an den Soundeinstellungen (oder so) rumgespielt wurde und noch nicht mal die Band auf der Bühne stand. Überhaupt war der Zeitplan von vorneherein eher eine Katastrophe: Statt sich auf Wesentlicheres zu beschränken, spielten in der Regel drei Bands (oder was auch immer) parallel, was dazu führte, dass man ständig irgendwas tolles verpasste. Konsequenz: Fünf der zweifelsohne interessanten Gruppen wurden von mir vollständig verpasst.

Zu Hypnos 69 schaffte ich es dann aber doch noch halbwegs rechtzeitig (sie spielten gerade ihren Opener), hatte nur ein klein wenig Schwierigkeiten, mich an die doch sehr andere, weil viel greifbarere Musik zu gewöhnen. Auf die Knochen reduzierter Stoner Rock mit subtilen Keyboard- und Saxophoneinsätzen spielen die vier Belgier jetzt schon seit 10 Jahren und in dieser Zeit ist die Band zu einer groovenden Einheit gewachsen, der nur schwer zu wiederstehen ist. Zwar ist der Gesang (der wie das Saxophon oft zu leise rüberkam) nicht so charismatisch wie von einigen Artgenossen, das wiegt aber angesichts der eindringlichen Songstrukturen wenig. Hypnos 69 schaffen das Kunststück, trotz aller Abschweifungen, Dehnungen und Improvisationen, den Song zusammenzuhalten und schon beim ersten Hördurchlauf zu begeistern, was besonders bei Konzerten zu ihrer Stärke wächst. Das Programm beinhaltete einen sehr angenehmen Mix aus alten Nummern und Stücke aus dem neuen, etwas relaxteren "the intrigue of perception", dessen Songs live doch deutlich drückender rübergebracht wurden. Zwingender waren aber auf jeden Fall die älteren Songs, deren Mischung aus entspannender Psychedelik und schiebendem Stoner Rock genau richtig abgewogen war, um einerseits nicht zu langweilen, andererseits aber auch nicht zu sehr anstrengte. Zum Schluss gab's dann noch einen ausufernden Jam um ein ohnehin schon langes Frühwerk der Band. Gehirnzermarternd und toll. Nicht umsonst wurde im Publikum nach dem Namen der Band gefragt: Hypnos 69

Nach ein paar Runden durch's Gebäude blieb ich im obersten Stockwerk bei Wonga hängen. Faszinierend auch die: Zwei intellektuell wirkende Kurzhaarige, von denen der eine manisch wie technisch das Schlagzeug mit einer unglaublich schnellen Präzision bearbeitete (kurz vor Schluss fiel durch die Wucht der Schläge eine kleine Tom oder ähnliches zu Boden), der andere spielte abwechselnd Bass, Gitarre, Keyboard und Trompete (!). Sowas kann man Drum'n'Bass nennen, es war aber viel mehr als das. Noise, Ambient, Prog, Artrock, Avantgarde floss in ihr Mahlwerk und ließ offene Münder zurück. Vielleicht wurde ab und an der Song an sich etwas vergessen, aber das wirkte sich zumindest bei den von mir verfolgten fünfzehn Minuten nicht negativ aus. Die erste halbe Stunde des Sets wurden leider meinerseits verpasst und Zugaben wurden auch keine gegeben - oder ich erschien erst zu jenen. Weitere Infos unter wongaspace

Anschließend galt es nach diesen Eindrücken erstmal am kleinen Sandstrand zur Spree hin zu chillen, während drinnen der Soundcheck für Colour Haze lief. Bei dem es offensichtlich ein paar Probleme gab, worauf danach von der Band noch einmal extra hingewiesen wurde. Halb so schlimm, das. Zumal trotz gut gefülltem Saal noch ein Plätzchen in der ersten Reihe frei war, als ich kurz vor Beginn eintrat. Wie oben angedeutet: Ich kannte die Band nicht. Was sich als großer Fehler entpuppen sollte. Schon der Opener blies mich mit einem Lächeln im Mundwinkel in die nächste Ecke; ich glaubte beim Eröffnungsgitarrenriff schon, Josh Homme stünde mit Kyuss wieder auf der Bühne. War leider nur ein Traum, denn so ganz an diese kommen Colour Haze nicht ran. Wollen sie vielleicht auch gar nicht, denn das Münchner Trio zermartert seine Songs viel mehr. Soll heißen, die Riffs werden in minimalistischer Manier in hypnotischen Schleifen wiederholt, jeweils mit kleinen Tempo- und Taktvariationen und selbiges passiert mit dem Rhythmus. Klingt nicht unbedingt aufregend, ist es aber, zumal die Riffs und Basslinien vom Feinsten sind. Da wünscht man sich teilweise, dass es ewig so weiterginge. Weitere Dynamik wurde durch die Abwechslung von treibenden Strukturen und gefühlvollen, langsamen Parts erreicht. Bei nur wenigen Songs schlug obiges Konzept fehl, sei es, dass die Riffs dort nicht stark genug waren, oder dass der Rhythmus nicht über den ganzen Song tragfähig blieb. Auch hätte in der zweiten Hälfte des zweistündigen Sets etwas mehr Energie und Tempo nicht geschadet, stattdessen boten Colour Haze in der Zugabe "Electrohash" eine knapp halbstündige Improvisation über kaum brilliante Themen. Dennoch waren unter den zwölf oder dreizehn (soviele wurden jedenfalls in etwa von mir gezählt) Songs genügend ultradynamische Perlen, die mir die Kinnlade weit runterklappen ließen. Das einzige, was stellenweise fehlte war der Gesang. Sänger/Gitarrist Steffen bemühte sich zwar, seiner Kehle ein paar Töne zu entlocken, allein, es kam nichts aus den Boxen. Hätte dem armen Kerl mal einer sagen müssen, aber es sah auch irgendwie lustig aus. Und instrumental war es schließlich auch nett. Vielleicht sogar besser so. Infos unter der gut gemachten Website

Fazit: Tolle Bands, wirklich kein Ausreißer nach unten dabei, aber, wie oben schon geschrieben, das Festival war etwas überladen. Man hatte ständig das Gefühl, was gutes zu verpassen, hier wäre weniger wohl mehr gewesen. Aber davon abgesehen (ist ja auch kein richtiger Kritikpunkt) war es besonders für den Preis von schwindsüchtigen Acht Euro der Überhammer. Kompliment. An wen auch immer.


Bilder vom Konzert gibt es hier

Weitere Informationen gibt es hier

stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!