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Cloroform - Berlin, Mudd Club, am 29.01.2006


Cloroform






Es eilte ihnen ein grandioser Ruf voraus. Schon im Vorfeld ihrer mit nur sieben Auftritten etwas knapp geratenen Deutschland-Tour schwappten Gerüchte aus Skandinavien herüber, die Cloroform hervorragende Liveshows attestierten. Und sie sollten, zumindest zum Teil, bestätigt werden.

Ohne Vorband und zu einer für Samstags in Berlin typischen Zeit von halb zwölf enterten die Norweger, für die Konzerte durch Gluecifer-Gitarrist Raldo Useless auf ein Quartett angewachsen, die kleine Bühne im Kellergewölbe des Mudd Clubs und legten ohne Umschweife mit "The Entertainment Industry" los, wobei die Albumversion tüchtig verprügelt wurde: neben der Extraportion Energie gab es (auch bei fast allen weiteren Songs) verzwirbelte Jam-Eskapaden und spontane rhythmustechnische Finessen zu bestaunen. Cloroform Das blieb nicht immer einfach tanzbar, ließ aber den ein oder anderen Mund der erst nach und nach vor der Bühne erscheinenden Menge offen stehen. Die Band um John Kaada (mit roter LED-Laufschrift auf der Gürtelschnalle) und Børge Fjordheim war eine geschlossene Einheit (was auch durch das einheitliche aber verschiedenfarbige Workers-Overall Outfit unterstrichen wurde) und trotzdem für jede Sauerei zu haben, was im weiteren Verlauf des Sets deutlich werden sollte. Mal kontrollierte Fjordheim mit seinem Schlagzeug den Rest der Band nach Belieben (was sich besonders darin äußerte, dass Raldo Useless die ganze Zeit nur auf ihn starrte), mal legte Kaada, der neben dem Mikro auch eine Keyboardburg vor sich hatte, aus der er immer mal wieder nach vorne ausbrach um die Rampensau raushängen zu lassen, ein merkwürdiges vokales (remember Mike Patton?) oder synthiegestütztes Zwischenspiel ein. Das tat der Würze und Abwechslung des Sets sicher gut, das aber sowieso eher reservierte Berliner Publikum ließ sich dadurch noch mehr vom Tanzen abhalten, was letztendlich die Atmosphäre nicht so anheizte, wie es hätte sein sollen/können.

Die Luft brannte annähernd nämlich immer dann, wenn einer der Arschwackel-"Hits" von Cloroform auf die Bühne gebracht wurde. Allen voran natürlich der offensichtliche Singalongsong "Love you more", der überraschend früh (vielleicht zu früh) an vierter Stelle gespielt wurde - und übrigens als einziger Song stark an die Albumversion angelehnt war. Aber auch und insbesondere die auf der "cracked wide open"-CD etwas unglücklich weit nach hinten gerutschten "crush", "come with me, please" und "broken" konnten sich einen Knüllerstatus erspielen. So ganz wollte der Funke auf das Publikum aber selbst währenddessen nicht überspringen und so blieb es - trotz Kaadas befremdlichen Schnurrbarts - bei einem tollen Konzert, dem ein letzter Kick zum Wahnsinn gefehlt hat.

Cloroform Gespielt wurde natürlich durchgehend auf höchstem (Rhythmus)Niveau; bis auf (unverständlicherweise) "Public Pervert" wurden alle wichtigen Songs von "cracked wide open" ans Publikum gebracht und unter anderem durch das in Norwegen gar als Video erschienene, sehr kraftvolle "Hey you, let's kiss" und zwei oder drei andere ältere Merkwürdigkeiten ergänzt. Durch diese und andere musikalisch manchmal schwer nachvollziehbaren Seltsamkeiten (das Pfeif-Solo von Kaizers Orchestra Bassist Storesund war noch eine der harmlosen und schönen) gewann das Konzert eine zusätzliche Dimension irgendwo zwischen Progrock, Free Jazz und Avantgarde (vielleicht erinnern sie seit der Kaada-Kollaboration mit Patton ein wenig an gemäßigte Fantomas), mit denen die manchmal doch etwas zu sehr auf Rhythmus ausgelegten Songs aufgelockert wurden.

Nach einer Stunde Spielzeit und Ende des regulären Konzerts wurde das bis dato auch schon gut applaudierende Publikum noch einmal so laut, dass es zur viertelstündigen, jamlastigen Zugabe kam, die noch einmal den musikalischen Ausnahmestatus von Cloroform untermauerte - etwas mehr Melodie gegen Ende wäre indes wünschenswert gewesen. Aber diese Norweger scheren sich ja einen Dreck um Konventionen. Sehr eigenständig, sehr kantig, sehr rhythmusbetont und zeitweise auch abgedreht. Wer sie verpasst hat, kann sie bestimmt später in diesem Jahr auf Festivals besuchen.

Fotos zum Konzert gibt es hier

stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • kasse4: pflichte bei - sehr, sehr schönes Album und dass Elephant nach Pearl Jam klingt: Na und :) Es gibt schlimmeres, zum Beispiel nach Staind klingen :)
  • toastn: Immer noch eines meiner liebsten Alben. Sehr viele Sounds und Ideen verarbeitet. Nicht zuletzt Erinnerungen an die Heimat und die Neunziger in HB. Big up Saprize. Danke für die schöne Zeit...
  • lwith: einfach nur kult ein album für die ewigkeit
  • Jens Schröder: Die schlechteste Kritik über die Lebenstrip-CD, die ich je gelesen habe. Dem Rezensenten fehlt jegliches Gespür für Musik. Das ist pseudo-elitärer Dünnschiss!!
  • Torn Fan: Die Musik ist gut... nicht nur gut sie ist richtig geil! Diese Kurzkritik hat nichts mit Musikverstand sondern eher mit Geschmack zu tun.