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ulver - perdition city


Erscheinungsjahr: 2000
Label: jester records
Tracks: 9
Spielzeit: 53:38
Genre: beats/elektro
Subgenre: ambient trip rock
ulver.jpg
Bewertung: 7.5/10

rating

Nach der "Metamorphosis"-EP war ja ungefähr klar, wohin die Reise bei den norwegischen Ulver geht, die mittlerweile so gut wie zu einem Ein-Mann-Projekt geworden sind, bei dem Trickster G. alias Garm alias G. Wolf nahezu alle Songs und Lyrics im Alleingang schreibt, sowie auch sonst das Ruder fest in der Hand hält.

Der fünfte Longplayer ist es mittlerweile in der knapp zehnjährigen Bandgeschichte. Nach atmosphärischem Black Metal, norwegischem Folk, räudigem und hartem "Old School" Black Metal und der genialen Mischung aus gegensätzlichen Richtungen, wie Gothic Metal und Trip Hop sowie Ambient (auf dem kongenialen "themes from william blake´s marriage of heaven and hell") ist man jetzt bei so was wie intelligentem Electro angekommen, verknüpft mit avantgardistischen Soundcollagen und Jazzeinsprengseln.

Trickster G. sagt von sich selbst, mit dem neuen Material sei man erwachsen worden, was vielen Ex-Fans ein wenig merkwürdig vorkommt, denn damit verleugnet er seine sehr einflussreichen und auch guten Frühwerke, ich persönlich kann diese Entwicklung mehr als gut nachvollziehen, habe ich sie persönlich doch ähnlich selbst mitgemacht, was Musik und die geistige Aufnahme selbiger betrifft. Was ich im Gegensatz dazu gar nicht verstehen kann, ist, wie man sich solch eine bescheuerte Frisur verpassen kann (nachzusehen unter http://www.jester-records.com/ulver.jpg). Naja, Geschmackssache, jeder ist sein eigener Herr, und hier soll es ja auch um die Musik gehen.

Zweite treibende Kraft hinter den "neuen" Ulver ist Tore Ylwizaker, der gleichzeitig auch den Mix und die Produktion übernahm, was er recht ordentlich gemacht hat, die Scheibe entspricht neueren Elektroplattenstandards und eignet sich an einigen Stellen sogar zum Boxentest.

Die CD kommt in zwei verschiedenen Auflagen, die sich aber nur jeweils im Booklet unterscheiden. Das von der limitierten, schwer zu findenden limitierten Ausgabe beinhaltet mehr Fotomaterial, verteilt auf über 40 (!) Seiten. Bonustracks gibt es hingegen keine. Das Booklet ist stimmungsmäßig hervorragend auf die zwischen kalt und warm schwankende Musik abgestimmt. Zumeist sind artifizielle und entfremdete Fotos aus dem täglichen Leben abgebildet (nur auf dem Cover ist ein fremdartiges Gebilde, das ein technisches Werk aus der physikalischen Forschung zu sein scheint), die alle etwas neonfarbig erscheinen und zwischen greller Überbelichtung und heimeliger Düsternis angesiedelt sind. Zeilenmäßig ist auf jeder Seite der Text zu "Nowhere/Catastrophe" - dem Track, den man noch am ehesten als einen klassischen Song bezeichnen kann - eingetragen, die Bilder auf eindrucksvolle Art unterstreichend, alles passt zusammen wie ein Puzzle.

Los geht die CD mit industriell anmutenden verqueren Beats, die sich dann annähern an Stille, die von einem Saxophonsolo und G.´s Rezitation von nahezu unverständlichen Worten durchbrochen wird. "Lost in Moments" heißt das 7-minütige Werk, dass die netten Breakbeats mit dem Saxophon und düsteren Sounds verbindet. Gegen Ende schaffen es Ulver sogar, noch einmal pathetisch zu werden, als Soprangesangsamples auf die majestätisch pochenden Schläge trifft. Einer der einfacher zu konsumierenden Songs auf dem Album, da es den Schönklang des Saxophons mit wenn auch etwas verquerem Groove kombiniert, einer der wenigen Tracks, die auch auf dem letzten Album durchaus einen Platz gefunden hätten. Weiter geht es mit dem in zwei Teile aufgebrochenen, merkwürdig betitelten "porn piece or the scars of cold kisses", welches im ersten Teil insofern an "Lost…" erinnert, dass es einen netten Groove und neben den Soundspielereien auch etwas Melodie bietet. Das alles zerschlägt sich aber im zweiten Teil, in dem die auf diesem Album nicht oft zu hörende Stimme Garms wieder erscheint, dessen Gesang hier etwas paranoid wahnsinnig über den nunmehr collagenhaften Soundscapes erscheint, die sich am Ende wieder zu den üblichen Beats zusammenfinden. Hin- und hergerissen ist man nach dem Genuss dieser schizophrenen Stücke, von denen einem manche Parts tatsächlich leicht ins Ohr gehen, andere dagegen abstoßend wirken und erst eine Zeit brauchen, bis sie Formen im Gehirn bilden. Das tritt noch mehr bei "Hallways of always" zutage. Ulver verstricken sich dort tiefer in Experimente, gleichzeitig wird man düsterer, das Klavier spielt neben den an Aphex Twin erinnernden Geräuschen eine tragende Rolle, mit seinem monotonen Spiel wirkt das Lied auf der einen Seite meditativ, auf der anderen Seite wird man immer durch ungewohnte Geräusche aufgeschreckt. Hier kommt der Soundtrack-Charakter der Musik deutlich zum Tragen, da jedes Geräusch bei mir ein Bild im Kopf vermittelt, was freilich erst nach mehrmaligem Anhören der Scheibe inklusive konsumieren des Booklets komplett und bewegt ist. Trotzdem ein noch relativ leicht zu genießender Track, da auch er auf einer trivialen Ebene funktioniert, die einen die Klänge und die Beats einfach nur konsumieren lassen.

Ich fühle mich bis hierhin immer wieder an Orb erinnert, die mit ähnlich flächigen Soundlandschaften, durchbrochen von nicht herkömmlichen Beats, arbeiten, ebenso an future sound of london, die ein ähnliches Konzept verfolgen, das zwischen Stille und Musik liegt, sowie von urbanen Bildern getragen wird. Der Eindruck verfestigt sich mit "Tomorrow never knows", der in eben dieser Tradition liegt, daneben auch mit seinem nunmehr maschinenartigen Groove an mehr Industrialorientierten Sachen erinnert. Scorn fallen mir spontan ein.
Der vierte Track markiert für mich auch gleichzeitig den Abschluss der "einfachen" Songs, ab hier wird der Songaufbau mehr und mehr collagenhaft, einzelne Sounds treffen auf des Hörers Ohr, verflüchtigen sich wieder und finden sich ganz woanders wieder ein. Eine nur teilweise neue Hörerfahrung, denn FSOL haben ähnliches auch desöfteren gebracht. "The future sound of music" (schon der Titel erinnert an FSOL), "We are the dead" und "Dead City Centres" sollten ausschließlich über Kopfhörer gehört werden, weil sonst zu viele Details im Raum verloren gehen. Auch wenn es insbesondere bei letzterem zu schmerzhaften Erfahrungen kommen kann, wenn die böse fiependen 15 - 20 kHz Töne ans Ohr dringen. Nach knappen drei Minuten ist aber auch das überstanden, die restliche Zeit des 7-Minüters wird durch eine mit Horrorstreifensounds durchzogene Jazzimprovisation gefüllt, die teilweise wirklich interessant ist und an eine Kombination an Filmmusik aus einem Vampirfilm und 50er Jahre Kriminalstreifen erinnert, bevor der Song in eine erste Pianomelodie mündet und kurz vor Schluss wieder diese grässlichen Töne auftauchen.
"The future sound…" ist ein eher unspektakulärer Track. Samples verknüpft mit einem monotonen Klavier, wie es auch in "Hallways…" vorkommt, wird das Lied über Lautsprecher nach einer Zeit langweilig, weil es nach ein paar Minuten nichts spannendes mehr zu bieten hat - gefüllt werden müssen 7 Minuten. Am Ende wird die Kurve doch noch genommen, durch sich verdichtende, treibende, geloopte Schlagzeugarbeit und orchestrale Sounds. Trotzdem, bei dem Track graust es mich ein wenig, wenn das die Zukunft der Musik sein soll. Beabsichtigt? Bestimmt nicht ohne Grund collagenhaft, aber leider über weite Strecken langweilig.

Dito: Das Folgende "we are the dead". Langweilig als Song. Düstere, radioähnliches Rauschen simulierende Geräusche und flächige, geisterhafte Keyboardsounds dienen zur Untermalung von Garms gebrochener und flüsternder Stimme vorgetragenem Text, der von Toten und ihrer doch nicht vorhandenen Stille handelt. Stille als Sound als Konzept. Das aus der Stille entstehende Geräusch (im Kopf) ist das wahre Geräusch, das wahre Ich, was als Konzept besonders im abschließenden "nowhere/catastrophe" deutlich wird. Mit 3:40 steht vor dem in den Abschlusstrack einführenden "Catalept" das wenig überzeugende "Dead City Centres", die Hörspielatmosphäre wird leider nur ungenügend umgesetzt, die instrumentale Umsetzung ist uninteressant. Ganz im Gegensatz zu "catalept", das seine zwei Minuten grandios mit Klassiksamples, Nervsounds und einem teilweise reichlich verqueren Offbeat zu füllen weiß, ein guter, spannungserzeugender (auch filmisch interessanter) Auftakt für das Finale namens "nowhere/catastrophe"!
Schon als Vorabsong auf Jester-Records Website verfügbar stand er schon vor Erscheinen des Albums für das Gesamtkonzept: Alles ist Geräusch. Metaphorisiert durch einen hilflosen Menschen, der nicht aus eigener Kraft, sondern gegen seinen Willen (wirklich?) transportiert wird, die Musik und Sounds werden für ihn visuell: "fine dust clouds of exploded music", der am Ende schlüpft; selbst zu einem Geräusch verwandelt, "amongst all these others howling, in an empty dark room".
Eine düstere, aber trostspendende Aussicht, das Leben als ständiges Geräusch, reduziert auf bloße Sounds, nicht mehr, aber auch nicht weniger, denn aus der Stille heraus ist das Geräusch alles...
Musikalisch ironisch und doch ernst vorgetragen, als relativ klassischer Song (was nicht heißt, dass hier Chorus, etc. vorhanden wäre), der noch am wenigsten mit Geräuschen komponiert wurde und gerade deswegen zu gefallen weiß, weil er eine Sonderstellung auf der CD einnimmt, und deswegen mit Erwartungshaltungen gerade im Gesamtkonzept gesehen bricht. Deswegen kann man die musikalische Umsetzung auch ernst betrachten, schließlich besteht der Song letztendlich doch nur aus Geräuschen, ist aus der Stille heraus entstanden, und bietet trotzdem - oder gerade eben deswegen - ein wohlklingendes Happening möchte man fast sagen. Für mich, weil grandios komponiert und ausgetüftelt mit all seinen versteckten Entfremdungen herkömmlicher Sounds und Gesang, schon jetzt einer der besten Songs des Jahres.

Als kleinen Bonus bekommt man den als Song schon von der EP bekannten "Limbo Central" Track, als gut filmisch umgesetztes Video serviert. Zwar eher auf der ästhetischen Ebene (viel mit Langzeitbelichtung, Verwacklung und Lichterstädten experimentierend) des Konzepts ansprechend, als gedanklich passend, aber in einer guten Qualität, sodass man sich visuell angesprochen fühlt.

Ein schönes Konzept, was nicht immer überzeugend von Ulver vorgetragen wird, aber auf weiten Strecken durch Innovation und gelungene Rekombination von verschiedenen Stilen überzeugen kann, wer auf philosophische Ansichten von Musik abkann und gleichzeitig auf eine Mischung der Elite der Soundtüftler wie Orb, Aphex Twin und FSOL abkann, die abundzu vermischt sind, mit der mystischen Stimmung älterer Ulver (was nicht immer gelingt), der sollte hier reinhören. Mit Kopfhörer. "Music for the stations before and after sleep". Mir kommt's am besten, wenn ich nachts mit Kopfhörer durch eine grell beleuchtete und zwischen Hektik und Ruhe schwankender Stadt spazieren gehe.
Ob Ulver die Musik für die Zukunft geprägt haben, wage ich zu bezweifeln, in dieser Hinsicht fand ich den Vorgänger, die Vertonung von Blakes "marriage of heaven and hell" interessanter - das war ein intensiveres und auch neueres Hörerlebnis für mich.


Ähnlich:
The future sound of london, The orb, xploding plastix, scorn, notwist, aphex twin, boards of canada

13.03.2005
stativision (Tobias Goris)


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  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!