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travis - the invisible band


Erscheinungsjahr: 2001
Label: independiente
Tracks: 12
Spielzeit: 46:38
Genre: Alternative
Subgenre: Britpop
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Bewertung: 7/10

rating

Travis habe ich recht spät schätzen gelernt. Mit ihrem Vorgänger "The Man Who" standen sie bei mir immer in direkter Konkurrenz zu den von mir geliebten Sophia, obwohl sie musikalisch außer der gleichen Schublade (melancholischer Gitarrenpop) nicht allzu viel gemeinsam haben.
Die Folge war, dass ich diese grandiose CD lange Zeit einfach ignoriert habe, ihre Songs dennoch gerne zufällig im Radio gehört habe.
Nach einiger Zeit habe ich aber dann auch Travis und "The Man Who" akzeptiert und in mein Herz geschlossen. Besonders "slide show" und der Hidden Track hatten es mir angetan.

Das Nachfolgealbum kündigte sich überraschend früh, im Frühsommer dieses Jahres an: "Sing" hieß der Hit, der auch in den Charts recht weit nach oben stieg und man merkte schon, dass Travis diesmal etwas positiver zu Werke gingen. Ihre sehr melancholische Grundstimmung blieb zwar erhalten, wurde aber durch positive Klänge aufgelockert. Der Apell des Liedes ebenso banal wie richtig: Wenn's dir dreckig geht, sing.
Und ein Ohrwurm ward geboren.
Bis dato der Song des Jahres, wenn man mal iInstrumentelle Fähigkeiten, Tiefgang und Innovation außen vor ließ. Die nämlich sucht man bei Travis vergebens, sie stehen in der alten Tradition der Band, die einfach nur gute Songs schreiben möchte.
Die Welle, die die Briten damit ausgelöst haben, ist hierzulande noch nicht ganz angekommen, in England allerdings fährt man offensichtlich auf ähnlich ausgerichtete Newcomer ab.

Jetzt ist das Album draußen und bringt sanfte Schwermütigkeit, aber auch poppige Leichtigkeit in die Haushalte. Passend "The invisible Band" betitelt, denn man ist im Hause Travis nicht auf Stardom aus: Auf dem dazugehörigen Cover ist die Band unter dem mächtigen Baum kaum zu erkennen und man muss schon einen zweiten Blick drauf werfen.
Im Booklet: fotografierte Stilleben inklusive oder auch mal exklusive den Bandmitgliedern, ein wenig merkwürdig, wenn man doch nicht in Erscheinung treten will? Kommt drauf an. Immerhin sehen die Fotos so aus, als wären die Menschen darauf schon immer in dieser Umgebung gewesen. Natürlichkeit zählt.


"Sing" ist gleichzeitig der Einstieg, der Hörer wird so empfangen, als wäre das sein Heim. Alles an seinem richtigen Platz, alles mit einer feinen Staubschicht überzogen, das Naturholz strahlt die Wärme aus, die man draußen im Regen vermisst hat.
Tradition ist hier ein Wort, dem Bedeutung beigemessen wird, und dem diese direkt wieder entzogen wird, weil der Song an sich alles bedeutet und die Bedeutung vom verschwindend gering wird.

Die Stimmung wechselt auf diesem Album. War "The Man Who" ein Album in sämtlichen grauen Schattierungen (mit roten Kanten), so ist das hier eine CD, die einmal quer durchs grüne Spektrum saust, die dunkleren Farben auch beinhaltet, und am Ende doch wieder bei dunkelbunt und Gelb ankommt.

Während "Sing" mit seinen Streicherarrangements noch recht dicht instrumentiert daherkommt, ist "Dear Diary" das Gegenteil davon. Mit seinen paar Zupfinstrumenten und dem zarten Gesang Healys machen Travis dort Kammermusik auf höchstem Niveau.
Und wenn sich dann noch leise Klaviertöne unter das traurige Akustikdickicht legen, dann kann man das Leid, das in's Tagebuch geschrieben wird fast schon spüren. Definitiv kein Hit, aber ein einfühlsames Kleinod, bei dem das Kaminfeuer über die Gedanken ausgeht.
Und Travis wären nicht Travis, wenn sie nicht wüssten, dass die Spannung nach diesem Absacker wieder steigen muss. "Side" erledigt das grandios. Und auch nach dem 18. Hören wird es nicht langweilig; nicht, weil es irgendwelche neuen Ideen bringt; nicht, weil man immer wieder neues entdeckt, sondern weil man einfach die Melodie wiederhören will, wenn Fran Healy "The Grass is always greener on the otherside" singt. Die neue Singleauskopplung ist eindeutig der beste Song des Albums, vielleicht der beste Song des Jahres - auf jeden Fall hätte der Song auch großen Songwritern gut zu Gesicht gestanden. Untypisch ist hier, dass der Song zumindest für Travis-Verhältnisse recht fröhlich klingt, aber nicht mehr ganzso luftig wie die fragilen Kompositionen auf "The Man Who". Auf eben jenes Album hätte Track 4 "Pipe Dreams" gepasst. Klassisch Travis mit dem klagenden Gesang und dem Mollklavier. Zwar kein Hit, aber eines jener unscheinbaren Lieder, die man später immer noch im Kopf hat und dann nicht weiß, von wem sie stammen. Braucht mehr Zeit als die anderen Songs.

"Flowers in the window" ist nach "sing" das zweite Liebeslied für Frans Frau Nora (ausdrücklich im Booklet erwähnt. Hach, wie schön) und offensichtlich sind sie mit die besten Songs des Album. Als einziges mit ausschließlich positiver Grundstimmung ist auch "Flowers…" wieder mit Banjo instrumentiert. In Travissongs immer wieder unwiderstehlich. Der dritte Hit auf dem Album.
Zu dem Zeitpunkt denkt man noch, das Album könnte besser als der Vorgänger werden - danach aber kommen zwar eine Menge schöner Songs, doch das Hitpulver wurde zu Beginn schon verschossen.

"The Cage" ist sehr fragil arrangiert und erinnert ebenfalls an ältere Songs. Sehr hübsch, aber auch nicht mehr und dennoch in der Oberklasse des Albums anzusiedeln. Der erste Totalausfall kommt mit "afterglow": Erschreckend banal und mit einer einfältigen Melodie ausgestattet ist er bis dato wohl einer der schlechtesten Travissongs überhaupt.

"Indefinitely" ist recht einfach gehalten und damit unauffällig wie viele Songs auf dem Album, kommt aber nach wiederholtem Hören ganz gut.

Der Abschluss "The Humpty Dumpty Love Song" wandelt sich nach einem ungewöhnlich verspielten und seltsamen Anfang zu einem elegischen, mit Streichern unterlegten Melancholiehammer. Zum Abschluss noch ein wunderbares Kleinod und mit Liebe zum Detail vorgetragen. Der Refrain klingt aber wiederum ausgeliehen.

Die neue Travis kommt also nicht ganz an seinen Vorgänger ran, dazu wird das Album nach den ersten fünf Tracks zu durchschnittlich.
Sie machen noch immer wunderschöne, nette Musik, müssen aber aufpassen, dass sie so nicht in die Belanglosigkeit herabrutschen. Mehr Songs a lá "afterglow" und das könnte leicht passieren.


Ähnlich:
Coldplay, Turin Brakes, Nick Drake, I Am Kloot, Starsailor, Oasis, Wilco, The Beatles

18.03.2005
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!