. .

stevens, sufjan - (come on feel the) illinois(e)


Erscheinungsjahr: 2005
Label: asthmatic kitty/rough trade
Tracks: 22
Spielzeit: 74:02
Genre: alternative
Subgenre: singer/songwriter
stevens3.jpg
Bewertung: 8/10

rating

Nach Michigan (nach Wikipedia dem Bundesstaat mit den meisten Sportbooten) bereist Sufjan Stevens nun Illinois und kommt seinem Ziel, alle Bundesstaaten der USA zu vertonen ein wenig näher. Der Superman (dessen Heimat ja bekanntlich in Illionis liegt) auf dem ursprünglichen Cover wurde schon aus rechtlichen Gründen entfernt, mit den Texten kann derartiges zum Glück nicht passieren. Diese Gegensätze! Naive Sichtungen von UFOs und weite ländliche Gegenden stehen industrialisierten, extrem fortschrittlichen Molochen wie Chicago gegenüber. Das erzeugt in der Realität Spannungen, die sich auch in Stevens' Lyrik niederschlägt. In "John Wayne Gacy Jr." wird einfühlsam und melancholisch ein Massenmörder vorgestellt, "Casimir Pulaski Day" handelt vom Tod einer knochenkrebskranken Freundin und mit Abraham Lincoln und Frank Lloyd Wright werden auch andere, positiv besetztere historische Gestalten von einer anderen Seite beleuchtet. Illinois: Ein Staat der Wiedersprüche, mit dickhäutigen und hoffnungsfrohen Menschen, aber auch Abgründen hinter der Fassade. Auf die Grundaussage reduziert: Illinois ist überall - und bleibt doch einzigartig. Wie die Simpsons.

Wenn man sich so das Booklet durchsieht, fällt am Ende eins besonders auf: Das von Stevens gespielte Instrumentarium. Man möchte sie kaum zählen, es werden wohl so an die zwanzig sein - die musikalischen Gäste sind für den Chorgesang zuständig oder spielen Trompete und Schlagzeug, ein Streichquartett ist auch dabei. Mit diesen reichhaltigen Klangfarben im Rücken ist Sufjan Stevens stets Herr aller Gesten. Und seien sie noch so klein oder bombastisch. Der Opener "UFO" (die überlangen Titel seien der Einfachheit halber abgekürzt) erscheint noch minimalistisch mit Klavier plus Gesang und Flöte, erschafft aber gleichzeitig die schönsten Melodiebögen, die in letzter Zeit in einem Opener zu hören waren. "Come on feel the Illinoise" ist dagegen ein zweiteiliges Monstrum von Lied, das mit kniffligen Wendungen, versteckten Andeutungen und einer Vielzahl von verschiedenen Melodien glänzt. Genau wie in einigen anderen Songs (besonders "Chicago" und "The tallest man, the broadest shoulders") trägt aber hier das Orchester und der Chor etwas dick auf. Man wähnt sich fast bei einer Hippikommune namens Polyphonic Spree. Das ist aber auch der einzige Schwachpunkt des Albums. Diesem gegenüber stehen diese wunderbar warmen Kleinode, die nur von einem höheren Genie stammen können. Wie sonst sollte es zu erklären sein, dass mit "John Wayne Gacy Jr.", "Casimir Pulaski Song" und "They are night zombies..." gleich drei der besten Songs des Jahres hier vertreten sind. Nicht nur wunderschön, sondern auch raffiniert arrangiert, toll instrumentiert und perfekt eingespielt.

Als wäre das nicht genug Abwechslung gibt es in "Jacksonville" und "Decatur" Alternative Countryfolk in schönem Wilco-Stil und in "Metropolis" wird mit verzerrten Retrogitarrensound auf die Pauke gehauen, bevor sich filigrane Kleinkunst offenbart. Zwischen all diesen sorgsam arrangierten vollständigen Songs finden sich sieben knapp formulierte Instrumentals, die in der überwiegenden Zahl kleine Anekdoten darstellen, die im Titel angerissen werden. Nett gemacht, aber oft mit verschwindend geringer Wirkung. Eher als Verschnaufpausen zwischen den mitunter bombastischen Songs zu goutieren und damit immerhin nicht so sinnlos wie viele andere Interludes.

"Illinois" ist ein in fast allen Belangen sehr guter, spannender und einfühlsamer Reiseführer durch den 21. Staat Amerikas. Einer, der Land und Leute näherbringt. Und einer, der auch ganz ohne Referenzkenntnisse viel Spaß macht - wenn man sich denn darauf einlässt.


Ähnlich:
Rufus Wainwright, The Polyphonic Spree, Spiritualized, The Flaming Lips, Elliott Smith, Bonnie 'Prince' Billy, Nick Drake, Badly Drawn Boy, Ben Folds, The Divine Comedy, Wilco, Great Lakes Myth Society

13.09.2005
stativision (Tobias Goris)


:: Comments ::


Comment
Name:

Comment:

Security question, please solve:

K34         1ON      
8 K    C    D 1   549
1 L   TOB   TN2      
T O    5      T   9LF
KCN         G6Y      



Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!