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sigur ros - ágaetis byrjun


Erscheinungsjahr: 2000
Label: fat cat/pias
Tracks: 10
Spielzeit: 71:54
Genre: alternative
Subgenre: psychedelic folkrock
sigurrosab.jpg
Bewertung: 9/10

rating

Eine CD einer Band aus Island.
Eine CD, die mit so vielen Vorschusslorbeeren ausgestattet wurde, dass es schwerfällt, an ihnen vorbeizukommen.
Eine CD, die Texte beinhaltet, die in einem merkwürdigen isländischen Dialekt vorgetragen werden.
Eine CD von einer Band, zu der mir so gut wie keine Informationen vorliegen, weil sie ihre Musik für sich selbst sprechen lassen will.
Ich beherzige den frommen Wunsch und lasse alle Sekundärinformationen, die nicht irgendwo im minimalistischem Design der Verpackung zum Vorschein kommen, außen vor. Im Dienste der Musik.


Die Reise dauert 72 Minuten.

Zu Beginn wirst du wie durch einen fremden Sog in eine andere Welt transportiert. Du weißt weder wohin die Reisde geht, noch was dich erwartet. Der Strudel ist mitreißend und durch rückwärts gesampelte Sounds entsteht tatsächlich das Gefühl, dass du in die Lüfte emporgehoben wirst. Wie durch einen seltsamen, sanften Wirbelwind.

Eine leise, ein wenig klagende, aber entspannte Kopfstimme singt dir flüsternd etwas unverständliches zu. Lieblich klingt es, wie von einem elfenhaften Wesen, gleichzeitig aber durch die Fremdartigkeit angsteinflößend und gleich beginnst du dich zu fragen, ob es die richtige Entscheidung war, in den Wirbel über dir zu tauchen.

Die Reise ist kurz und im Wasser wachst du auf. Leise, piepsende Töne schweben dir um die Ohren - wie von einem Echolot. Das Wasser um dich herum ist seicht und lauwarm, Körper und Seele sind entspannt.
Von weit her dringen Bassklänge zu dir herüber. Langsam und weich. Die Echolotklänge werden ein wenig lauter und scheinen näher zu kommen, werden aber nie aufdringlich.
Dann beginnt ein Klagen, fast wie von Walen. Ein langgezogenes, raues hohes Flehen,
aber du merkst, es ist eine Gitarre. Wohlweislich nichts sehend, außer dem blauen Himmel.
Die Gitarre kann unmöglich von der Hand gespielt sein. Vielmehr mit einem Geigenbogen und du fragst dich unvermittelt, wohin es dich verschlagen hat.

Worauf die Stimme das Elfenwesens wieder beginnt zu singen. Leise, verhalten, seltsam vertraut. Diese Falsettstimme. Durch das Wasser hindurch ist sie ein wenig verzerrt, untermalt von einer fremdweltigen Musik, die klagenden Töne der Gitarre im Hintergrund, verschwommen, nur selten neue Töne anschlagend.
Der Rythmus unendlich langsam, Geborgenheit vermittelnd...
Langsam wirst du, wie von Geisterhänden aus dem Wasser gezogen, kaum spürbar.

Als du dem warmen Nass vollends entsteigst, siehst du die Mischung aus Elfe, Engel und Außerirdischem vor dir, mit unendlich sanftem Gesichtsausdruck, einer hohen Stirnpartie, grossen Augen und Flügeln auf dem Rücken, nicht bekleidet, ein geschlechtsloses Wesen, der Natur entwurzelt...
Und die Begrüßung würde eines Papstes gebühren: Mit aufbrausenden Pauken und der erhobenen Stimme des Wesens, nun zum ersten Mal etwas klarer und näher wird die Musik kurzzeitig geradezu einem wagnerianischen Bombast gleich, flaut aber bald darauf wieder ab, als du, erschöpft nach der Reise, sanft in den Armen des Wesens einschlummerst, woraufhin die Stimme und die Musik wieder einlullender werden.

Ein kühler Wind weckt dich in der Dämmerung, alles was du hörst ist das leise Rufen der Lüfte und dein Herzschlag... Moment, dein Herzschlag? Nein, da stimmt etwas nicht. Zu unregelmäßig. Und polternd. Irgendwelche künstlich klingenden Trommeln, pluckernd, gleich eher künstlichen Geräuschen, denn natürlichen.
Dein Schlafbedürfnis ist zu groß, um dem nachzugehen, dein Gehirn gibt sich wieder der absurden Traumwelt hin.

Von wohlklingenden Violinen wirst du am anderen Morgen geweckt, du hörst Vögel zwitschern und genießt das Grün das dich umgibt.
Das Elfenwesen steht etwas abseits und fängt an zu singen, als es bemerkt, dass du erwachst, schöner denn je, du spürst die Wärme in dieser Stimme, die Glückseligkeit, die Liebe - zu was auch immer. Und als die Geigen und der Gesang immer lieblicher werden geht dir angesichts dessen das Herz auf.

Das Wesen bietet dir eine Hand an und bereitwillig ergreifst du sie, im ungewissen, was jetzt kommen soll. Es zieht dich zu sich heran, breitet die Flügel aus und fliegt mit dir im Schlepptau los, in Begriff, dir das Land zu zeigen. So geht es dann über ausgedehnte Waldflächen, zahlreiche Seen, endlose Grünflächen, steinige, schroffe Felserhebungen und kantige, braungraue Boden, über eine vielseitige Landschaft, nur etwas erblickst du nie: Menschen.
Keine Menschenseele, die die Musik hätte verursachen können, außer dem singenden Elfenwesen, was dich noch immer an der Hand hält.

Und fliegenderweise hörst du, wie die Musik immer erhabener wird, unangreifbar die Schallwellen sich ihren Weg durch die Luft bahnend.

Zu einer kleinen Pause setzt ihr euch an den Rand eines kleinen Sees, verschnaufend und nur den Geräuschen der Natur lauschend...

Nach einer Weile versucht es, dir etwas zu erzählen, mit seiner Stimme und mit Gesten, immer wieder auf sich selbst, seinen grossen Kopf und die umgebende rohe, ursprüngliche Natur zeigend. Du verstehst nicht viel, aber allmählich, als die Musik immer epischer und pathetischer wird, und dein Herz von den Breitwandhymnen fast erdrückt wird, fängt etwas in deinem Kopf an, das ganze Mysterium zu begreifen. Natürlich mehr in einer Hypothesenebene, aber du bist schon soweit, dass du verstehst, dass alles hier etwas mit der Musik zu tun hat und damit, dass keine Menschen weit und breit zu existieren scheinen.

Fast greifbare Melodien schwirren in deinen Kopf und finden erst nach einiger Zeit wieder heraus, du bist ganz von der Musik umgeben, und du gibst dich der Musik gänzlich hin.

Etwas schräg spielende Bläser lassen dich aus deiner Trance erwachen, das Engelwesen siehst du nicht. Du bist an einer Art Oase angelangt, um dich herum Ödlande und hier das Paradies. Die gedämpften Trompeten spielen eine Zeitlang und lassen dich dein komplettes Denken wieder zurückerlangen, ehe es in den nächsten Strudel, geformt aus Klängen und Geräuschen gezogen wird.

Kaum mit normalem Denken lässt sich das alles nur richtig erfassen, wenn du dein Bewusstsein strömen lässt. Lavaströme ziehen an deinem geistigen Auge ebenso vorbei wie Blumenwiesen, in Zeitlupe tanzende nackte, weiße Gestalten.
Und als die Musik nach dem ruhigen kurzen Intermezzo wieder Gesang verpasst bekommt, werden Assoziationen lebendiger, die Farben intensiver, der Geruch stärker, es riecht nach Muskat, es riecht nach Rosen.
Und als die Pauken und Becken einsetzen und die Trompeten lauter spielen und als der Gesang flehender wird, bist du in einem Zustand vollkommer Ekstase, nicht mehr fähig zu denken, alles ist Gefühl, alles ist Rot, Blau und Gelb.
Weiches umgibt dich und du weißt wieder nicht wo du bist, als die Bläser sich wieder alleine in deinen Gehörgängen befinden.

Als du erneut aufwachst, befindest du dich in einem Club.
Ganz alleine. Nur die Musik ist mit dir.
Um dich herum weich gepolsterte Einrichtung. Sofas, Kissen, wiederum keine Menschenseele, nur das Wesen sitzt alleine und gedankenverloren in einer Ecke.
Die Musik ist der Szenerie angepasst, du hörst Klänge wie aus einer Tuba, merkwürdige Klaviertöne, eine Mundharmonika beginnt ihre typische schrägen Töne auszuspucken, wenig später trifft eine Basslinie auf dein Trommelfell, ewig die gleiche Melodie...
Im Hintergrund hörst du noch den Wind, auch die klagende, mit einem Geigenbogen gespielte Gitarre startet erneut ihr erweichendes Flehen.
Das Wesen spricht etwas in den Raum, du weißt nicht, ob es dich anspricht oder nur laut denkt, verstehen kannst du nichts. Ein wenig traurig klingt es, manchmal scheint es so, als hörtest du eine weiblichere Stimme antworten, aber es kann auch nur der Wind sein.
Bald darauf scheint der ganze Raum voller engelshafter, schwebender Gestalten zu sein, aufgetaucht nach einem Rauschen, Musik wie von einem Orchester untermalt ihr kurzes Intermezzo, schon sind sie wieder verschwunden und es bietet sich dir das alte Szenario, das Wesen, murmelnd und wiederum beantwortet vom Chor der Engel. Woraufhin du wieder entschläfst.

Lange Stille.
Völlige Dunkelheit.
Aus einiger Entfernung: Klaviertöne.
Lauter werdend.
Lieblich. Um nicht zu sagen, kitschig.
Bass steigt ein.
Harmonie. Oder so...
Du liegst da und lässt es über dich ergehen, du fühlst dich gut.
Streicher steigen ein, fast schon schwülstig, aber es ist gut, denn du fühlst dich fantastisch.
Eine Stimme steigt ein, wie aus weiter Ferne, fast schon Hawaii-Klänge vermischen sich damit, so geht es einige Zeit.
Zeit zu träumen, sich gehen zu lassen, Zeit, sich nicht um vordergründige Dinge wie Kitsch zu beschäftigen (obwohl das in deinem Hinterkopf immer wieder aufleuchtet). Das Klavier als tragendes Instrument macht sich in deinem Kopf breit, bevor diese Melodie entschwindet, nur um kurze Zeit später durch nahezu alle bisher gehörten Instrumente als Emphase wiederzukehren, um sich dann schließlich doch in einer verwirrenden Melange aus Geigenklängen aufzulösen.

Du fühlst dich entspannt und gleichzeitig ein wenig leer und energielos, bevor dich schon wieder die Musik einholt, greifbarer als zuvor, mit dem gezupften Bass ein wenig an altbekanntes erinnernd, wäre da nicht diese Stimme und diese sphärischen Hintergrundklänge. Bald findet eine Melodie den Weg in dein Gehirn, die dich an deine Kindheit erinnert. Junge Menschen im Grünen spielend, sich austollend. Diese wird weiter fortgesetzt und durch alle möglichen Klangfarben erweitert, nach einiger Zeit findest du dich selber tollend, auf dem grünen (wie du jetzt erkennst) Gras in frühen Morgenstunden.

Greifbar geht es weiter, als du langsam nach Atem ringst, Gezupfte Gitarren weisen den Weg durch diesen, ja man kann schon sagen „Song“, die Stimme klar und deutlich, du siehst das Elfenwesen gar nicht weit entfernt sitzen und in dieser außergewöhnlichen Sprache singen.
Erinnerungen an deine eigene Welt tauchen auf. Namen wie Radiohead schwirren durch deinen Kopf und du hörst dem schönen, doch traurigen und zerbrechlichen, von Klavier und Gitarre getragenem Lied nachdenklich zu.

Nach dieser Darbietung sieht es dich an und du weißt, das langsam die Zeit gekommen ist, dieses Reich, das sich ganz der Musik verschrieben hat, zu verlassen. Dunkle, traurige Klänge begleiten deinen Abschied.

It's only music.


Ähnlich:
Radiohead, Godspeed You! Black Emperor, Cocteau Twins, Spiritualized, Dead Can Dance

01.01.2005
stativision (Tobias Goris)


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  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!