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shellac - terraform


Erscheinungsjahr: 1996
Label: touch&go
Tracks: 8
Spielzeit:
Genre: alternative
Subgenre: noiserock
shellac.jpg
Bewertung: -/10

rating

Skelettierter Brachialsound

Der zweite Shellac-Longplayer "Terraform" erschien 1996, für diese dogmatischen Hardcore-Postrocker ungewöhnlich kurze 2 Jahre seit der letzten Veröffentlichung (3 Alben und ein paar Singles seit der Bandgründung 1991).

Shellac sind Steve Albini an Gitarre und Gesang (Ex Big Black, Rapeman, produzierte Nirvana, die Pixies und P. J. Harvey), Bob West (Vucano Suns), Bass, und Todd Trainer (Ex Breaking Circus) am Schlagzeug. Deren Musik ist ein harter, aggressiver, dabei knochentrocken minimalisierter Rocksound. Die Stimmung behält trotz der heftigen Entladungen immer einen Hauch von Niedergedrücktheit und Aufbegehren in Verzweiflung. Nimm z.B. die Breitseite eines ausladenden, verschwenderischen Hardcore-Gewitters der Rollins Band, vermindere die Blues-Anleihen in Riffs und Skalen erheblich, nimm jeden Hall aus der E-Gitarre, komprimiere alles aufs absolut nötige und bestrafe die Musiker für jede zuviel gespielte Note, dann bist Du Shellac recht nahe. Shellac hat mit Trainer und West eine der druckvollsten mir bekannten Rhythmusgruppen (bei ihren sehr zu empfehlenden Konzerten stehen alle drei nebeneinander, keiner in zweiter Reihe). Wie häufig bei härterer Musik, die ihr Spektrum an Stilmitteln eng setzt, klingt zunächst alles etwas beliebig und es dauert eine ganze Weile, bis Spannungsbögen empfunden und Übergänge als folgerichtig empfunden werden. So richtig ins "Fließen" im Sinn von einem mitreißenden, tanzbaren Groove kommt Shellac allerdings nie, dazu ist deren Tracks zu knorrig, eckig und selten schmeichelnd oder sich in Gelassenheit auflösend.

Denkbar wäre, daß diese trockenen Arrangements aus Schlagzeug, Gitarre und Bass aus viel gefälligeren, in den Stilmitteln verschwenderischeren Song-Ideen hervorgingen. Die Referenzen könnten dabei von klassischen Hard/Heavy-Wegbereitern wie Led Zeppelin, über bluesigen Hardcore der Rollins Band, konservativen Garagen-Schweinerockern wie Bad Religion oder Dead Moon, extravaganten Slow-Motion Rockern wie den Melvins oder Codeine bis hin zu Independent Altvorderen wie Sonic Youth oder The Fall reichen.
Sehr häufiges Durchspielen und Wirkenlassen der Tracks hätte deren Essenz an Ideen verdeutlicht und was alles noch weggelassen werden kann, um diesen noch mehr Nachdruck zu verleihen.
Herauskommt - wenn die Songs auf diese Weise entstanden wären - dieses Shellac-typische, schwerverdauliche Destillat von Referenzen und Namen.
Ein Versuch, zeitgemäße progressive harte Rockmusik zu spielen, die ihre Wurzeln skelettiert, dabei weder nachbetet noch verleugnet. Diese Geschichte von Shellac-Songs ware für mich nachvollziehbar, ist aber wahrscheinlich nicht wahr: Steve Albini, Todd Trainer und Bob West leben in unterschiedlichen US-Bundesstaaten und treffen sich alle Monate mal für gemeinsame Aufnahmen.

Von allen drei Shellac-Aufnahmen ist "Terraform" die gradlinigste, sparsamste. Auf ihr werden Melodien und Riffs am stärksten konzentriert, angedeutet, fragmentiert. (1) Steve Albinis Gitarrenstil äußert sich in kurzen, abgehackten Tupfern und Brechern, melodiearm und rifflastig und meistens recht noisig. Ein schmerzender Sound, der sich eigentlich aufdrängen müßte, sich aber meistens der dominierenden Rhythmusgruppe unterordnet.
"Terraform" enthält auch das Credo der Band, ihre Visitenkarte: Ihr einziger auf LP festgehaltener Track mit Überlänge "Didn't we deserve a look at you the way you really are" ist vergleichbar mit Led Zeppelins "Trampled under foot" oder dem "Immigrant Song" (2). Ein kleines Bassthema auf einem stumpfen Dreivierteltakt wird über ca. 10 Minuten von Schlagzeug und Bass stoisch ausgehalten und erlebt bis auf kurze rhythmische Ausbrüche im Refrain lediglich subtile Veränderungen in Dynamik (laut/leise) und Intensität, nicht jedoch in Harmoniewechseln. Eben das Skelett eines Songs, aber was für ein gewaltiges!

Aufmachung & Coverdesign: Exzellent!
Normale Vinylplatten wiegen ca. 90, die Shellac-Alben 180 Gramm bei gleichem Preis. Das Cover aus dicker Hartpappe ziert eine ebenso wie diese Musik verstörende Mischung aus altem und neuem: Großformatige futuristische Weltraumszenarien stehen unkommentiert neben einer idyllischen, seerosenbewachsenen Flußlandschaft, verschiedene Beschichtungen lassen die Oberfläche an bestimmten Stellen schimmern (Wasser).

Fußnoten:
(1) Das habe ich bei meiner Besprechung des 2000er Albums "1000 Hurts" noch anders gesehen, erst mittlerweile kenne ich alle drei LPs. Im Vergleich zur strengeren "Terraform" ist die Neue schon relativ tanzbar.
(2) Auf "Physical Graffiti" (75) und "III" (70)

Viel Spaß mit "Terraform"!


Ähnlich:
Helmet, Rollins Band, Melvins, Codeine, Sonic Youth, The Fall, Les Hommes qui wear espandrillos, Harmful

17.03.2005
nightonearth


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  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!