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rammstein - mutter (pro)


Erscheinungsjahr: 2001
Label: universal
Tracks: 11
Spielzeit: 45:11
Genre: metal
Subgenre: industrial metal
rammstein.jpg
Bewertung: 8/10

rating

Am 2. April ist Muttertag.

Mit diesem Spruch wurde das mittlerweile dritte Studio-Werk angekündigt.
Das es unzählige Leute geben wird, die die Platte nicht mögen, war genauso klar, wie die Tatsache das die CDU wieder in Baden-Württemberg gewonnen hat. Der werte Hörr Stativision hat ja schon in seiner "Zirkus oder Kindergarten"-Geschichte genügend darauf aufmerksam gemacht, wie schlecht "Mutter" ist. Aber ist "Mutter" eigentlich wirklich so schlecht, wie alle Rammstein-Hasser es verlauten lassen? Die Antwort dürfte eigentlich klar sein: Nein. "Mutter" ist eigentlich genau das Album auf das die mittlerweile (leider?!) sehr beachtliche Fangemeinschaft 4 lange Jahre gewartet hat.

Am 2. April war Muttertag.

Das verflixte dritte Album. Entscheidet es wirklich über den weiteren Verlauf der Karriere einer Band? Nun, im Falle Rammstein muss man ehrlich zugeben, dass eigentlich kein Schwein mehr ein viertes Rammstein-Album braucht, denn auf "Mutter" haben die 5 Ossis wirklich alle Fragmente eingebracht, die man einbinden kann, aber trotzdem noch nach Rammstein zu klingen. Das sich Rammstein Mühe gegeben haben, neue Elemente einzubinden, dürften schon allein die berüchtigten 4 Jahre Pause zwischen dem letzten Album "Sehnsucht" klarmachen. Allerdings knackte man in diesen 4 Jahren noch schnell den US-Markt und machte sich sogar in Europa breit (in Frankreich und England sind Rammstein mittlerweile auch in aller Munde). Zwischendrin das Live-Video "Live Aus Berlin", dass auch auf CD veröffentlicht
wurde und in Deutschland, wie auch schon "Sehnsucht" auf Platz 1 der Charts einstieg.

Über die Daseinsberechtigung von Rammstein sollte man sich anno 2001 eigentlich nicht mehr streiten. Dafür ist die Band mittlerweile zu wichtig für den deutschen Musikmarkt (immerhin trug der Erfolg von Rammstein auch maßgebend dazu bei, dass Motor Music zum Major expandieren konnte). Ob man Rammstein nun schätzt oder hasst, kommt sicher drauf an, wie man die Band kennengelernt hat: Ich glaube nicht, dass ich eine Band gutheißen kann, die kein Schwein kennt, dann irgendwann auf sämtlichen Musiksendern rauf und runter läuft und irgendwas von Engeln singt und das auch noch auf Deutsch. Nein, diese Band würde ich auch hassen, weil ich sie in eine Schublade mit Bands wie Backstreet Boys oder Britney Spears stecken würde, denn sie sind angesagt, trendy und eigentlich scheiße und so und rechts wahrscheinlich auch und so und überhaupt und den Song hab ich mir zwar noch nie richtig angehört, aber ich hasse ihn trotzdem, weil er scheiße ist und die anderen das auch sagen. Da kommt diese "Charts"-Mentalität zum Zuge.

Natürlich kann man die Band auch scheiße finden, wie man andere Bands scheiße findet. Aber hör ich irgendwo im Raum das Wort "Image" schweben?!? Vielleicht. Regelrechter Hass auf eine Band, die die maue deutsche Musiklandschaft wieder interessant macht, "nur" weil sie so furchtbar (Un)-Provakativ sind ? Wollen Rammstein eigentlich provozieren ? Sicher, in einem gewissen Rahmen ja (Paul Landers provoziert zum Beispiel mit seiner neuen, bescheuerten Frisur). Aber ich glaube kaum, dass Rammstein über Blumentöpfe singen würden, wenn es provokativ wäre. Hängt nicht auch ein wenig der Spass (Interesse?) in der Luft ? Wieso singen Cannibal Corpse über zerstückelte Leichen und halbverdaute Menschen ? Weil´s provoziert ? Im 20. und 21. Jahrhundert ist das wohl eher ein Realitätsbericht, denn Provokation. Vielleicht liegt es auch daran, dass manche Leute einfach Spass daran haben und es nebenbei noch zur Musik passt, wer weiß. Sollen Rammstein lieber über die Probleme einer Hausfrau beim Zusammenbauen eines Schrankes schreiben ? Ist ihre Musik dafür überhaupt komplex genug ? Wer Weiß. Und wenn Rammstein nunmal zu ihrer deftigen Musik über das Paarungsverhalten von Menschen singen wollen, dann sollen sie das verdammt nochmal auch einfach tun. Sollte man sich wirklich Gedanken über jedes einzelne Wort Gedanken machen, dass Till singt ?!? Sollte man einzelne Sätze zerstückeln, sezieren und analysieren, was für ein Schrott da drin steht ? Sollte Musik nicht einfach unterhalten ? Sollte man sich nicht in eine CD fallen lassen ? Kann man dabei auf jedes einzelne Wort achten, wenn man in der Musik versinkt ? Ich glaube nicht. Habt ihr schonmal englische Texte ins deutsch übersetzt ? Wisst ihr, was da manchmal für ein Stuss drinsteht ? Ist auch besser so. Klar, wenn man die Texte auf Papier vor sich liegen hat, dann kommen sie scheiße. Aber ist das nicht bei anderen Bands genauso ? Der Anteil der Bands, die wirklich interessante Lyrics abliefert, die es sich auch so ausgiebig zu studieren lohnt, liegt doch im heutigen Musikbusiness bei ca. 15 %, wenns hochkommt. Die Pseudo-Intellektuellen hab ich noch gar nicht abgezogen... Die sind ja eigentlich noch schlimmer, als die breite Masse. Anyway, was ich damit sagen will: Der Laus im Rehfell ist es scheißegal, wenn´s regnet und Rammstein singen immer noch übers Ficken auf Deutsch.

1993 aus mehreren Bands zusammgestückelt (unter anderem Feeling B, The Inchtabokatables, First Arsch....), die weitestgehend aus dem Fun-Punk (!!!) Sektor kommen, beginnen die 5 zwielichtigen Gestalten die Weltherrschaft an sich zu reißen.
"Herzeleid" heißt der erste Anlauf der Band. Irgendwo zwischen Himmel & Hölle. Niemand nahm Notiz davon. Einerseits war die Band schon irgendwie was ganz neues, andererseits hatten sie schon Bands wie Laibach, Fleischmann oder auch Oomph! (die es allerdings erst seit "Unrein" mit Rammstein aufnehmen können, allerdings ohne Ficken-Texte auskommen, nachdem sie mit ihrem zweiten Album "Sperm" ziemlich auf die Fresse gefallen sind), doch keine praktizierte die Mischung aus Elektronik und (Metal ist zu viel gesagt) fetten Riffs in so einer Perfektion wie Rammstein. Bei Rammstein stimmte einfach alles: Das Image und die Musik, dazu noch gewagte Texte.
Und so kam es auch, dass sich (nachdem sich Rammstein allerdings auf ihrer Tour im Vorprogramm von den Farmer Boys ein treue Fan-Basis erspielen konnten, und konnten auch allein gut 1.000 Leute anziehen) so langsam auch der Mainstream-Markt für Rammstein zu interessieren begann. Im Nachhinein könnte man auch sagen, dass Rammstein einfach nur die richtige Band, am richtigen Ort zu richtigen Zeit war, denn den Durchbruch hätten viele Bands natürlich eher verdient. Letztlich erwies sich der liebe Gott durchaus als Rammstein-Fan und ließ das Debüt nochmal auf Chart-Platz 9 klettern, zu einem Zeitpunkt als der Nachfolger "Sehnsucht" schon lange fertig gestellt war. Der Rest ist Geschichte. "Sehnsucht" überzeugte zwar nicht wirklich, lieferte aber eigentlich genau den Stoff den alle wollen. Die 4 Jahre Pause sind bekannt, was sich abgespielt hat, wurde in diesem Text schon einmal erwähnt.

Am 2. April war Muttertag.

Mutter. Ein ungeborenes Kind. Die Augen noch geschlossen. Das Coverfoto drückt eine gewisse Stille und Ruhe aus. Unpassend zum Stress, den das Album bereitete. Unpassend zur alles anderen als ruhigen Musik. Die Bandfotos ? Wieder mal vom feinsten. Das heißt allerdings eher vom Prinzip her, denn irgendwie schaffen es Rammstein immer auf Fotos wie die letzten Hackfressen auszusehen (Live durfte ich sie leider (!?) noch nicht erleben, sind sie da schöner ?!?). Passend zum Baby auf der Brust, posieren die Männer als eingelegte Präparate, mehr oder weniger gut erhalten, bzw. deformiert. Aufmachung: Genial. Wie man es eigentlich von Rammstein gewöhnt ist (Anmerkung des Verfassers: "Mutter" ist auch als super edles Digipak erschienen. Hochglanz-Cover mit Magnetverschluss. Als Bonus gibt es ein zweites Booklet, dass man als Poster aufhängen kann. Ob man dafür mehr Kohle als für die normale Edition abdrückt, muss jeder selber wissen. Fürs Regal jedenfalls eine echte Augenweide). Doch eigentlich kommt es ja den Rammstein-Fans eher auf die Musik an, als auf die Aufmachung (Höre ich empörte "Nein"-Schreie ?!?). Das "Mutter" enttäuscht, glaubt kein Fan ernsthaft. "Sonne" schaffte es ja schon auf Platz 2 der Single-Charts (auch wenn die Maxi natürlich zum größten Teil von Pseudo-Fans gekauft wurde).

"Sonne". Der Song, der die erneute Rammstein-Welle auslöste. Diesen Song müssten die meisten eigentlich kennen und wenn nicht, sollten diese einfach mal bis 9 zählen und die 10 durch ein "Aus!" ersetzten, dann würden sie zumindest den Anfang des Songs kennen. Als ich das Stück das erste Mal hörte, furzte mir sofort ein "Willkommen Zurück!" im Gehirn umher. Denn das die Produktion (übrigens wieder mit Stammproduzent Jacob Hellner, der vor Rammstein bei Clawfinger für den fetten Sound sorgte) so drückt und schiebt hätte ich nicht erwartet. Nebenbei ist der Song ein komplettes Novum für Rammstein, denn das Lied kopiert keinen vorherigen Rammstein-Song. Meine Erwartungen für "Mutter" schellten fast schon in unermessliche, doch kurz vorm Muttertag wichen sie dann eher wieder nüchterner Objektivität und quälendem Zweifel, ob die CD wirklich so gut werden wird oder wirklich nicht der hellste Stern von allen. Jedenfalls trafen Rammstein mit "Sonne" als Single die richtige Entscheidung und drehten auch ein Video, dass dem Song würdig ist. 1:0 schonmal für Rammstein

Nachdem ich die CD im Laden erstanden hatte, begab ich mich hastig nach Hause, um endlich dazuzugehören. Ja, auch ich hatte nur den sehnlichsten Wunsch "Mutter" zu werden. Ist der Opener "Mein Herz brennt" eine wirkliche Überraschung ? Eigentlich schon. Der ruhige, melancholische Streicherpart am Anfang macht ein wenig stutzig.
Die Begrüßung seitens Till "Nun liebe Kinder gebt fein acht..." kommt dem Hörer zwar etwas bekannt vor (jedenfalls wenn man in jungen Jahren den Fernseher als Einschlafhilfe benutzt hat). Der Ausbruch des Songs offenbart eine weitere Überraschung: Rammstein haben sich wohl "Come To Me" (Puff Daddy feat. Jimmy Page) etwas genauer angehört. Jedenfalls fühlt man sich durch das fette Orchester ein wenig an jenen Song erinnert. Hatten wir das schon bei "Spiel Mit Mir" ? In dieser Form zumindest nicht. Eine obercoole Akustik-Gitarre zur Untermalung der Strophe ? Neu ? Auf jeden Fall. Und gut. Gibt dem Song einen kleinen "Bööööööse"-Touch. Der Refrain schippert natürlich mit dem Rammstein-typischen Pathos daher, offenbart allerdings auch eine Menge an elegischer Schönheit. Die Entdeckung der Melodizidität (bescheuertes Wort, wie war das mit den Pseudo-Intellektuellen Texteschreibern ?!?). Der Ideale Einstieg auf dem Weg zur Mutter.

Links, Zwo, Drei, Vier. So der Aufhänger und Titel des folgenden Songs. Die Textzeile die den Song zum Anti-Nationalsozialismus-Bekenntnis macht, dürfte inzwischen jedem Zwerg, der sich genauer mit der Materie befasst bekannt sein. Daher werde ich die
Zeile auch nicht gesondert erwähnen. Außerdem kann ich auf die Passage nicht direkt achten, da ich ja noch in der Scheibe versinken muss. Der Beginn. Auch "Bück Dich" poltert so respektlos durch die Botanik. Aber nicht nur "Bück Dich", sondern leider etwas zu viel Rammsteinsches Liedgut. Unspektakulär. Bis zu der Stelle, als die Front Kruspe/Landers mal den Verzerrer rausnimmt und Till dafür selbigen zu seiner Stimme schaltet (es dabei übrigens schafft wie sein Kollege Dero/Oomph! zu klingen). Hier wird es interessant. Die Strophenführung, schlichtweg ungewöhnlich für eine bestimmte "deutsche" Band aus den neuen Bundesländern. So muss man sagen, dass "Links 2 3 4"
zwar einige interessante Stellen auszuweisen hat, insgesamt aber genauso gut/schlecht wie viele andere Rammstein-Songs klingt. Klarer Fall von "Auf Nummer Sicher Gegangen". Kann man es ihnen übelnehmen ? Wollen die Fans überhaupt Experimente ? Unter den Gesichtspunkten geht auch dieser Song voll in Ordnung. Die Offenbarung bleibt aus.

Nachdem die Sonne aufgegangen ist, möchte Till etwas. Viel mehr gesagt will Till etwas. "Ich will" - Vertrauen, Glauben, Blicke, Herzschläge kontrollieren, Stimmen hören, Ruhe stören, gut gesehen werden, Verstehen, um einige Punkte zu nennen. Phantasie, Energie, in Beifall untergehen. Verpackt hat Till seine Wünsche in einem erstaunlich elektronischen Mantel der Klänge. Ungewöhnlich. Hat man den Song erst geknackt, freut man sich schon auf die anstehenden Konzerte Rammsteins im Mai. Eine Hymne an die Fans. Stadionatmosphäre, ein gutes Stichwort. Ein sehr gutes sogar. Ob die Fans diese etwas lieblos geschmotzte Ode des Wollens annehmen, wird sich noch rausstellen. Wie sagte ein Freund von mir kürzlich so treffend: "Ich mag zwar Scooter, aber der Refrain ist mir zu Techno-mäßig". Ob er mit dieser zweifellos sehr intelligenten Aussage recht behält, mag ich zwar zu bezweifeln, da der Refrain mit Techno so viel zu tun hat, wie die Wildecker Herzbuben mit Modebewusstsein. Dennoch bin ich geneigt zu verstehen, was mein Kumpel (geheiligt werde sein Name) damit ausdrücken will und ich denke, dass die meisten Hörer des Songs dies auch nachvollziehen werden können. Die liebste Wortwahl ist ein zweischneidiges Schwert. Das nächste Stück, bitte (Im Hirn möge der geneigte Mensch eine Ode an den Erfinder der "Skip"-Taste trällern).

Eine liebliche Keyboardmelodie holt den zornigen Hörer in die Mutterwelt zurück.
Während ihrer ganzen Laufzeit von ca. 10 Sekunden ahnt der unschuldige Konsument überhaupt nicht, dass der bisher härteste Song der CD folgen wird. Einfach nach dem Motto "Feuer Frei!"... Zufällig auch der Titel des Stückes.
Ein Schelm, der während des "Bäng, Bäng"-Partes Böses denkt. Insgesamt fügt sich diese Stelle nämlich exquisit in diesen Brecher ein. Scheißegal, was man davon halten soll (und ich gebe zu, prinzipiell nicht unbedingt viel... wo bleibt Lucky Luke ?!?). Opferung zum Selbstzweck nennt man sowas. Oder Wetterbericht am Morgen, aber lassen wir das. Denn Rammstein wären nicht die Band, die sie heute sind, wenn sie den Song nicht gegen Ende noch ausnahmslos ins rechte (in diesem fall eher gute, richtige, meine Damen und Herren) Licht gerückt hätten. Die Retour zur Anfangsmelodie lässt nämlich nicht sehr lange auf sich warten. Als die Refrainendlosschleife einsetzt, verschwindet langsam wieder die Gänsehaut. 2 Schüsse setzten den Schlusspunkt unter ein Lied, dass man in der Form auch sicher nicht erwartet hätte.

"Mutter". Balladeske Töne ist man von Rammstein in Gestalt von "Seemann" oder "Klavier" schon gewohnt, doch das die Männer mit den ordentlichen Kurzhaarfrisuren es schaffen, eine über die ganze Distanz gelungene Halbballade (fernab jeglicher "Seemann"-Ästhetik) abzuliefern, hätte ich als Mensch, der viel von der "Mutter" erwartet hatte, beim besten Willen nicht gedacht (höre ich keine Zustimmung ? Egal, es kommt auf den Spass an). Die Ereignisse überschlagen sich geradezu. Schöne Akustikgitarren verschönern den Moment des Hörens, während Till beweißt, dass er, wenn er will auch über eine hypnotische Stimme ohne rrrrrrollendes R verfügen kann(wird wahrscheinlich außer mir niemand gehört haben, denn starke Nutzung der Ohren führt nicht gerade zum besseren Verständnis hoher musikalischen Angelegenheiten, doch andererseits muss man auch eingestehen, dass nicht jeder rosa Elefanten sehen kann). "Mutter" steigert sich zu einer hoffentlich nie untergehenden Hymne der deutschen Musikgeschichte. Wann haben Rammstein gelernt solche mitreißenden Melodiebögen zu schreiben, die nur so von majestätischer Elegie und verwöhnter Atmosphäre strotzen ? Vielleicht als sie in Amerika verhaftet wurden, weil den Bullen die Showeinlage von "Bück Dich" nicht passte und den jungen amerikanischen Mädchen vorzuenthielten, was ein deutscher Arier ist, als Rammstein einst nur mit Socken bekleidet die Bühne enterten ? Wer Weiß. "Mutter" kehrt alle Vorteile des Nationalsozialismus hervor, sprich, eigentlich alle, die Rammstein verkörpern. Ich rede von Einheit und Ordnung, meine Damen und Herren, nicht von braunem Gedankengut. Oder ist es sogar verboten, von perfekt inszenierten Aufmärschen fasziniert zu sein ? Anscheinend ja. Doch was rede ich von braunem Gedankengut, denn der Text von "Mutter" handelt weder von selbigem noch von erigierten, männlichen Gliedern die sich langsam in feuchte, weibliche Schamlippen bohren, sondern schlichtweg um Gentechnik. Geschrieben aus der Sicht eines geklonten Menschens. Und eigentlich sollte man eingestehen, das Rammstein diese schwierige Angelegenheit diesen Text in Deutsch zu verfassen gemeistert haben, ohne zu große Peinlichkeiten einzubinden. In den hinteren Rängen höre ich wieder einmal nicht die geringste Zustimmung. Egal, man lebt nur einmal. "Mutter"... um nocheinmal auf das Lied zurückzukommen... ist die momentan perfekte Verkörperung des berühmt-berüchtigten "Ohrgasmus". Zuweilen der beste Song, den ich bis zu jenem Zeitpunkt von Rammstein vernehmen dürfte. Wie war das ? Rammstein haben ihr kreatives Pulver verschossen ? Nach diesem Song vielleicht schon. Davor ? Niemals.

Aus eins mach zwei. Mit "Spieluhr" schieben Rammstein gleich den zweitbesten Song der Mutter hinterher. Faszination macht sich breit. Man kann nicht wirklich sagen, was Rammstein bei diesem Lied gemacht haben, das man nicht schon von ihnen gehört hat, doch es ist einfach unvorstellbar, dass sich so eine Gottergabe (das ö habe ich nur allzu bewusst zum o umfunktioniert...) auf den vorherigen Album befinden könnte. Was haben Rammstein also im Vergleich zu früher anders gemacht ? Ich vermag es nicht zu beantworten. "Erwachsen geworden" wird nun der ein oder andere sagen. Dem kann ich nur bedingt rechtgeben, aber widersprechen will ich jenem auf keinen Fall. "Erwachsen" klingt so fürchterlich... erwachsen. Sagen wir, erwachsen in musikalischen Sinne auf jeden Fall. Man könnte auch einfach sagen, dass Rammstein mit ihrem dritten Album ihre Feuertaufe bestanden haben und gelernt haben, dass nicht nur oberfette Riffs und Sätze a la "Ich will ficken" einen guten Song ausmachen, sondern
dass man auch mit eingängigen Refrains, die sich dem Hörer geradewegs ins Gehirn bohren einiges erreichen kann. Das richtige Händchen für "Hits". "Spieluhr" ist zweifellos so einer. Der Refrain verfolgt mich immer noch Tag und Nacht. Vor allem diese Kinderstimme, deren Besitz ich zu Beginn (sprich, beim ersten Hören) vorschnell Papa Schlumpf zugeteilt hatte, hat es mir angetan. Originell (für Rammstein- Verhältnisse zumindest) und nach mehrmaligem Hören auch wunderschön. Sicher nicht der härteste Song der Band, aber auf jeden Fall einer der zwingendsten, besten und dichtesten (atmosphärisch gesehen, ich spreche nicht von Promille, meine Damen und Herren) Songs.

Das nächste Stück markiert, da man sich mit "Mutter" und "Spieluhr" auf softeres Gebiet gewagt hatte, wieder einen hammerharten Brecher. Was auffällt ist:
Das Riffs klingt, wie wenn Rammstein ein Riff einer Band klauen würden, die ihr Riff wiederum von Rammstein geklaut hätten. Sehr kompliziert, aber mindestens genauso interessant wie komplex. So wartet man also irgendwie mit einem typischen Rammstein-Klon (wie war nochmal das Konzept von "Mutter" ? Passt da was zusammen ?) Riff auf. Fett ist es auf jeden Fall. Bei dem Titel "Zwitter" kann man sich schon ungefähr denken in welche Richtung der Text abzielt. Ob man dieses "Zwitter, Zwitter"-Sprachsample nun gut oder scheiße findet, muss mal wieder jeder selber wissen (wieso schreibe ich hier überhaupt ? Ich kann eigentlich niemand helfen, doch wie sagt man immer so schön: Ein Acker ist keine Wiese, oder so ähnlich). Was überrascht ist allerdings der Refrain. Rammstein packen ihre typisch-fetten Riffs ein, schraddeln Akkorde runter, während Christoph Doom Schneider einen punkigen Beat auf seinem Schlagzeug klopft. Klare Neuerung im Hause Rammstein. Und nach was klingt das ? Nach den Toten Hosen mit 1.000.000 DM Majorproduktion ? So ungefähr, oder soll ich sagen Böhse Onkelz in gut ? Das Geschraddel hat auf jeden Fall etwas Rock´n´Rolliges an sich, in Verbindung mit dem deutschen Text ist es klar, dass man das Schnell in die Street-Punk Ecke abschiebt. Sollte man eigentlich nicht gut heißen, kommt aber von Rammstein, klingt somit ganz anders, als die Böhsen Onkelz und die Toten Hosen zusammen. Lockert also ungemein auf. Super. Elegant gelöst. "Zwitter"
ist jedenfalls das neue Synonym für... ja, für was eigentlich ? Anhören.

Rein, Raus, Rein, Raus, Rein, Raus, Rein, Raus. Diese Worte beschreiben den Vorgang des "Mutter"-Hörens ganz gut. CD rein, CD raus, CD rein, CD raus. Rammstein beziehen diese Zwei Worte allerdings, man hätte es fast geahnt, auf den Paarungsakt des Menschens. Den Text haben sie allerdings teilweise ganz gut verpackt, denn wer denkt schon bei "Ich hab den Schlüssel, du das Schloss, Die Tür geht auf, Ich trete ein" an Böses ? Eben. Musik ? Wie tausend andere Rammstein-Songs auch. Ficken, halt.
Jedoch hätten Rammstein vor 4 Jahren diesen "Tiefer, Tiefer"-Part nicht eingebaut. Musikalische Neuerung, trotz konservativem Songgerüst. Stampfer. Manche würden "Bück Dich 2001" sagen und haben damit gar nicht mal so unrecht. Allerdings bläst schon die Produktion "Bück Dich" weg, vom Song ganz zu schweigen. Den Orgasmus mit 1000 Elefanten zu beschreiben, finde ich ansich ganz gelungen. Viele drehen wahrscheinlich gerade hier die Schlinge, die für Rammstein bestimmt ist. Aber die sind auch nicht die Zielgruppe, denn der Song wurde (vermute ich) ganz speziell für die USA geschrieben. Rein, Raus. Das kann sogar eine Ami im Suff mitgröhlen. Nicht umsonst singt Till das "Raus" ein paar Mal so verdammt amerikanisch. Wie war das ? Ick bin ein Börlinär !!! Gutes Mutter-Futter.

Der zweite Drogen-Song der Karriere. Den ersten versuchten Rammstein gar nicht erst zu vertuschen, "Kokain" hieß das gute Stück (Zu finden auf der "Das Model"-Maxi, "Sehnsucht" B-Seite) und handelte, man mag es kaum glauben, von selbiger Droge.
Der zweite Drogensong, trefflich aber nicht offensichtlich mit "Adios" betitelt, handelt von H. Womit wir zumindest schonmal thematisch und textlich wieder eine Brücke zu den Böhsen Onkelz geschlagen haben. Den irgendwie bekommt man das Gefühl, dass Rammstein mit diesem Song, wie auch schon mit "Zwitter", die BO-Fangemeinde/Zielgruppe ansprechen will. Das heißt allerdings nicht, dass die Songs direkt nach den Böhsen Onkelz klingen (Gott Sei Dank!!!), sondern lediglich auch Onkelz-Fan, die Rammstein bisher vielleicht noch nicht mochten, ansprechen könnten. Die Toten Hosen sind der nächste Punkt, denn "Adios" punkrockt (!!!) sich nach vorne.
Zuerst eine normale Akustik-Gitarre als Intro, dann ein punkiger Beat in Verbindung mit einem Riff, dass nur aufgrund der Produktion so verdammt nach Rammstein klingt.
Lockert aufglaublich auf. Der erste Rammstein Up-Tempo-Song. Selten schraddelte die Gitarrenfront Landers/Kruspe so unbeschwert und spontan in der Gegend rum. Hier wirkt überhaupt nichts "Deutsch" (im Sinne des Nationalsozialismusses). Gegen Ende macht Keyboarder Dr. Christian "Flake" Lorenz den Song durch ein geniales, abgefahrenes Sample unsterblich. Das nächste Experiment, dass Rammstein mit Bravour bestanden haben. "Adios" reiht sich locker in die Highlights von "Mutter" ein und entwickelt sich sogar zum Sing-A-Long.

Nebelschwaden bedecken das Feld. Langsam kriecht der "Nebel" durch die Ohren des Hörers und verschleiert sanft das Hörorgan. Vielleicht klingt der Song durch die Verschleierung erst so gut. Fakt ist allerdings eher, dass es Rammstein zum zweiten Mal geschafft haben, eine Ballade aufzunehmen, die nichts mit dem "Seemann" zu tun hat (auch wenn gewisse Leute etwas anderes behaupten... nächstes mal CD bitte etwas besser anhören !!!). Passend zum Titel beginnt der Song, wirklich nebelig und verschleiert mit dezenten Samples, die Till mit seiner Sonntagsstimme langsam überflüstert. Als die sanften Gitarren langsam einzusetzen beginnen, die Streicher langsam den "Nebel" verfeinern, erkennt man spätestens, dass Rammstein am Ende ihrer CD nochmal ein kleines Meisterwerk aufgenommen haben, dass nur so vor Pathos, majestätischer Schönheit und süßer Melancholie trieft. Hier stimmt alles. Sogar der gegen Text wird wohl kaum jemand etwas auszusetzen haben. "Und dann hat er sie geküsst, wo das Meer zu Ende ist, ihre Lippen schwach und blass, und seine Augen werden nass". Für solche Textzeilen werden Künstler schonmal geehrt. Aber da es ja um Rammstein handelt, ist es halt kitschig und scheiße. Ein großes Kompliment muss man Till aussprechen, denn gegen Ende übernimmt sich der Hüne fast schon und singt glasklar. Ein solches Lied hätte ich Rammstein in keinster Hinsicht zugetraut. Neben "Mutter" und "Spieluhr" ist "Nebel" eindeutig das beste Lied auf "Mutter" und wie die beiden anderen Songs, wird auch dieser in die Ruhmeshalle der besten Songs von Rammstein aufgenommen. Eine Kleinigkeit kann man dem Lied ankreiden: Da plötzliche Ende nach nicht ganz 5 Minuten. Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass Rammstein den Song durch eine nette Refrain-Endlosschleife über die 6 Minuten Grenze schieben, denn so hat man den Eindruck, dass Rammstein noch etwas zu sagen hatten und es nicht loswerden konnten. Ein Hilferuf ? Auf die Spielzeit der CD hätte sich dies sicherlich nicht negativ ausgewirkt, denn mit 45 Minuten ist "Mutter" auf keinen Fall zu lang... eigentlich eher etwas kurz für ein Lebenszeichen, auf das die Fans seit 4 Jahren warten.

Aus. Schluss. Schicht im Schacht. Nach 11 Songs nimmt "Mutter" ihr Ende. Die einen werden aufatmen, jauchzen, vielleicht gar frohlocken. Die anderen werden einfach ein weiteres mal auf die "Play"-Taste drücken. Und diese Fraktion hat zweifelsohne Recht.
Ich kann mich nämlich nicht mehr dran erinnern, eine Platte dermaßen aufgesogen zu haben wie "Mutter". Seitdem dem Muttertag ist die CD schon gut 20 mal in meinem Player rotiert und ehrlich gesagt habe ich nicht das Bedürfnis eine andere Scheibe einzulegen...

Egal, wie man nun zu "Mutter" steht, wer Rammstein nicht einräumt, dass sie sich enorm weiterentwickelt haben, ist schlichtweg ein Ignorant. Die Scheibe ist vollgestopft mit Neuerungen, überraschenden Wendungen und ungewöhnlichen Passagen. Rammstein haben es geschafft in ihrem wirklich arg engen Rahmen zu bleiben und dennoch das Maximum an Abwechslung und Kreativität rauszuholen. Dies verschlechtert natürlich die Perspektiven für ein weiteres Album, da sich Rammstein zwar sicher als Künstler noch weiter entwickeln werden, doch es ist fraglich, ob die Masse der Fans ihnen dann weiter folgen werden, da sie Mühe haben werden ihre geliebten Rammstein zu erkennen. Doch das ist alles Zukunftsmusik. Wir befinden uns Im Jahre 2001, "Mutter" ist noch nicht einmal 1 Woche erhältlich und wird Deutschland und sicher auch die USA in den nächsten Wochen und Monaten überrollen.

Ich persönlich möchte Rammstein schonmal zu dieser Perle gratulieren, die ich in dieser Form nicht erwartet hätte. Leider fühle ich mich doch nicht so ganz im Stand, trotz aller Lobeshymnen die Höchstnote zu verteilen, da mich weite Teile der Songs "Links 2 3 4", "Ich Will" und "Rein Raus" nicht ganz überzeugt haben. Würden diese Songs nicht ganz so nach älteren Rammstein-Songs klingen, würde ich ohne Zweifel die Höchstnote (allein schon für die Originalität der Highlights) rausrücken. Na ja, so ist das eben: Entweder man liebt sie, oder man hasst sie.

28.03.2005
kervorkian


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  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!