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orthrelm - ov


Erscheinungsjahr: 2005
Label: ipecac
Tracks: 1
Spielzeit: 45:43
Genre: avantgarde
Subgenre: minimalistic mathcore
Orth-OV.jpg
Bewertung: 8.5/10

rating

Sie waren wohl müde. Müde am hochkomplexen, jede Redundanz vermeidenden Bastard aus schredderndem Metal und Free Jazz; die Grenzen in dieser Hinsicht waren schon auf "Asristir vieldrioxe" ausgereizt.

"OV" ist nicht nur vom Titel das Gegenteil der früheren Werke. Statt 99 Titel in einer viertel Stunde gibt es einen Track in einer dreiviertel Stunde. Jetzt suhlen sie sich in Repetition, anstatt jede Wiederholung zu vermeiden. Die Monotonität durch die sowieso schon limitierte Anzahl an Klangfarben (da mit Gitarre und Schlagzeug nur zwei Instrumente eingesetzt werden) wird wegen der Begrenzung auf nur wenige unterschiedliche Töne und Takte weiter auf die Spitze getrieben. So steht "OV" kaum in der Tradition von Math- oder Chaoscore-Alben, die Konzeption und Ausführung erinnert viel mehr an Minimalisten der modernen Klassik, wie Steve Reich, Morton Feldman oder Terry Riley. Minimale Wechsel in Rhythmus, Tonfolge und Zusammenspiel werden durch endlose Wiederholung der gleichen Muster so verstärkt, dass sie den einmal ins Gehirn eingebrannten Typ verzweifelt herausreißen.
So funktioniert "OV" auf drei Ebenenen: Die ohne Zweifel herausragende handwerkliche Arbeit zeigt besonders bei genauem Hinhören ihre ungeheure Detailverliebtheit und - genauigkeit. Jedes noch so kleine Riff ist passgenau mit den Drum-Patterns verwoben, nicht wenige Tonfolgen sind zusammen mit zeitgleich gespielten Skalen unterlegt, die erst nach mehrmaligem Hören zu Tage treten. Zeitweise kann nicht an nur einen Gitarrist geglaubt werden. Dass fast ein halbes Jahr im Studio an "OV" gearbeitet wurde, ist hörbar. Und die marathonöse Dauer von 45 Minuten über diesem Werk muss sowieso als eine menschliche Grenzleistung gewürdigt werden.
Neben der Ausführung beeindruckt die künstlerische Konsequenz in der Abkehr vom alten Konzept und der Zuwendung zum Neuen, in dem neben dem offensichtlichen Unendlichkeitsanspruch und der Verweigerung klassischer (Metal/Core) Strukturen auch allgemeine Fragen nach Monotonie und Abwechslung, Verschiebung und vermeintlicher Gleichheit gestellt werden. Die natürlich so auch bei den "klassischen" Minimalisten mit den selben Mitteln aufgeworfen werden, aber nicht unbedingt mit gleicher Dinglichkeit. Bei Orthrelm wird nicht nur in Trance musiziert, eingellult und durch Phasenverschiebung ein wenig aufgerüttelt, es wird genervt, aufgeschreckt und fantastischerweise gleichzeitig mit den dafür ungewöhnlichsten Mitteln (eine kreischende Gitarre und ein bollerndes Schlagzeug) wieder beruhigt. "OV" kann natürlich ebenfalls zur Trance führen, zum Einschlafen gar, kann darüberhinaus auch zur Hintergrundmusik werden, je nach Stimmung aber auch unheimlich aufwühlen.
Was zur dritten Ebene führt: Die persönliche Rezeption des Werks. Der eine mag an blutende Fingerkuppen denken, an flatternde, bloß liegende Nerven, andere an Zen-Meditation und das Hineinversetzen in einen tranceartigen Zustand. Jedenfalls brennen sich die Muster tatsächlich ein und je nach Hörgewohnheit weiß man entweder nicht mehr, was gespielt wird und was im Kopf selbst entsteht, oder man nimmt nur noch Kaskaden von Musik wahr und verfolgt die leichten oder, seltener, gröberen Wechsel interessiert und ordnet sie. Besonders schön ist dabei der Vergleich zwischen Lautsprecher- und Kopfhörerhören, weil die Wirkung sehr anders ist. Gerade bei letzterem werden ganz andere Feinheiten und Wechsel aufgenommen, dafür stellt sich der tranceartige Zustand und der Übergang von bewusstem zu unbewusstem Hören viel schwerer ein.

Rein kompositorisch ist "OV" nicht so radikal minimalistisch wie die Vorbilder aus der neuen Klassik und Avantgarde, sie spielen keine Stunde mit nur einem Muster, in das sie kaum merklich Änderungen hineinwerkeln. Auf "OV" sind teilweise deutliche Zäsuren eingenäht, so gibt es eine Art Intro (eine Minute), das dampframmenmäßig in den Song einführt, woraufhin eine endlose, filigrane nähmaschinenartige Gitarrenmelodie über einem Tom-Rhythmus spielt, die nach einer Unterbrechung durch ein zweiminütiges anderes Muster noch einmal eingesetzt wird und insgesamt über eine viertel Stunde immer mal wieder leicht variiert wird. Es gibt kurze Breaks, die Gitarre oder Schlagzeug auslassen; nach der Mitte des Albums scheint "OV" durch den Einsatz von Cymbals aufdringlicher und gegen Ende werden die Wechsel häufiger, das Album etwas hektischer und die Gitarren kreischender, bevor alles in sich zusammenbricht und eine fabelhafte Stille hinterlässt.

Eine Hörerfahrung, die wohl nur ein minimalen Kreis an Musikliebenden erreicht. Und mit Sicherheit nicht vergessen werden wird. Vielleicht nicht zum häufigen Hören gemacht, aber zum Eintreten in eine andere musikalisch Realität.


Ähnlich:
Morton Feldman, Ligthning Bolt, Steve Reich, the Locust, Terry Riley, Phantomsmasher, John Cage, Hella, Philip Glass, the Daughters, Ruins

05.11.2005
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!