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morse, neil - testimony


Erscheinungsjahr: 2003
Label: insideout
Tracks: 29
Spielzeit: 123:38
Genre: rock
Subgenre: progressive rock
nealmorse.jpg
Bewertung: 8/10

rating

Neal Morse hat gefunden. Gott. Oder ist gefunden worden? Ansichtssache. Jedenfalls könnte man sagen: Schön für ihn. Solange er damit glücklich ist, ist doch alles wunderbar. Jeder darf seine eigene Meinung haben. Doch sein Fund hatte Konsequenzen. Große Konsequenzen.

Morse war Mitglied bei Spock`s Beard, dem spaßigen Progressive Metal-Quintett, welches abendfüllende Meisterwerke im Jahrestakt veröffentlichte und bei Transatlantic, vielleicht der Prog-All-Star-Band schlechthin. Schließlich mischten bei Transatlantic neben Morse noch Mike Portnoy (Dream Theater), Roine Stolt (The Flower Kings) und Pete Trewavas (Marillion) mit.

Alles das gab er auf. Weil Gott es ihm befohlen hat. Tja. Man kann sich vorstellen, wie begeistert die Fans beider Truppen waren. Denn Morse war nicht nur Mitglied, sondern auch Kopf und Hauptsongwriter - und somit eigentlich nicht ersetzbar. Spock`s Beard machten umstrittenerweise ohne ihn weiter. Transatlantic strichen gleich die Segel.

Jeder ging davon aus, dass sich Neal musikalisch zurückziehen würde. Eine gnadenlose Verschwendung, schließlich spielt er nicht nur zig Instrumente, nein, er ist auch noch ein grandioser Komponist. Aber Befehl ist Befehl - und wenn er auch noch von so hoher Stelle kommt: Wer könnte da schon widerstehen?

Neal konnte, denn kurz nach seinem Rückzug: "Testimony". Ein Doppelalbum mit lockeren 123 Minuten Spielzeit. Nicht gerade das, was man so nebenbei aufnimmt, wenn man sich entschlossen hat, neue Wege zu gehen, die nicht unbedingt musikalischer Natur sind. Versteh einer diesen Neal. Letztlich kann man den guten, alten Spock´s Beard hinterhertrauern, oder sich über "Testimony" freuen, denn das Album ist wirklich verdammt gut geworden. Es ist auf jeden Fall ein Progressive Rock-Album, aber klingt nicht unbedingt nach Spock´s Beard - auch wenn Neals markante Stimme natürlich ein Markenzeichen ist, dass man nicht so leicht überhören kann.

Doch "Testimony" ist musikalisch weniger limitiert als es die Alben von Spock`s Beard oder Transatlantic waren. "Testimony" suhlt sich fast überall - und noch viel wichtiger: fühlt sich überall wohl. Da gibt es Bläser-Parts, die an Pink Floyds "Atom Heart Mother" erinnern, Reminiszensen an die Beatles (übermächtig!), Gospel-Chöre, harte Riffs, Singer/Songwriter-Anleihen, verfrickelte Parts, Country-getränkte Songfragmente (schließlich wohnt Neal seit geraumer Zeit in Nashville) und wunderschöne Pop-Passagen, die eingängiger nicht sein könnten. Sprich: Alles was Spaß macht. Das Ganze verpackt in ein sehr Song-orientiertes Gewand. Wie auch schon auf dem Spock`s Beard-Doppelalbum "Snow" gibt es keine Epen mit 20-30 Minuten Spielzeit (die vor allem bei Transatlantic Pflicht waren), sondern nur Songs, die meistens nach 5-7 Minuten ins Ziel laufen. Dazwischen kleine Interludes, die den Leerlauf übernehmen, der in wirklich langen Songs vorkommen würde.

Doch so gut die Scheibe musikalisch auch sein mag, vor einer Sache hatte ich wirklich Angst: Den Lyrics. Man muss Neal allerdings ein Kompliment machen, denn die Scheibe ist mehr als ein plumper Lobgesang auf Gott mit missionarischem Unterton, sondern beschreibt hauptsächlich Neal´s Weg zu Gott - ohne irgendjemandem etwas aufzwingen zu wollen. Zwar schleichen sich gegen Ende ein paar triefende Lobeshymnen ein, doch man kann Neal fast nicht böse sein, da man in der Musik seine grenzenlose Euphorie über seinen Glauben spürt, die auch den Hörer glücklich macht - ob gläubig oder nicht. Bestes Beispiel: "Oh Lord, My God". Lyrisch gewandter und musikalisch begnadeter als die meisten "Hail Satan"-Black Metal-Bands ist das auf jeden Fall. Von daher kann schon über ein paar kleinere Ausrutscher hinwegsehen. Schließlich merkt man trotz allen Lobpreisungen, dass Neal niemandem seinen Glauben aufdrücken will. "Testimony" beschreibt nicht nur, wie er Gott gefunden hat, sondern Neal lässt letztlich sein ganzes Leben noch einmal Revue passieren.

Für eine interessante Gottesdienst-Gestaltung wäre "Testimony" ideal, aber leider wohl zu komplex für die meisten unbedachten Gläubigen. Oder doch Teufelsmucke, weil sich immerhin reichlich verzerrte Gitarren durch das Album räkeln. Naja - wer nicht will, der hat schon. Doch wer will, hat auch etwas - und zwar tolle Songs.

Die erste CD beschreibt Neals altes Leben aus heutiger Sicht und ist deshalb musikalisch noch etwas mehr in seiner Vergangenheit verwurzelt. Die Songs sind komplexer und progressiver, als auf der zweiten CD. Schön ist, dass sich manche Passagen durch das ganze Album schlängeln und in vielen Songs immer wieder auftauchen, so dass man angenehme Déjà-Vus erlebt. Höhepunkt auf der ersten CD, neben dem relativ harten "California Nights", ist die abschließende Ballade "It´s All I Can Do", die wirklich rührend ist und sich auf jeder Spock`s Beard-Scheibe gut gemacht hätte. Auf der zweiten CD gefallen mir vor allem das Country-lastige "Sing It High", das lange "The Storm Before The Calm", das wunderschöne "I Am Willing" und das schon erwähnte "Oh Lord, My God", welches fast schon einen leichten Alternative-Touch aufweist, besonders gut. Doch letztlich ist das Album, das Neal in fünf Teile unterteilt hat, trotz der Songorientierung als Ganzes zu sehen. Am besten man hört man sich "Testimony" über Kopfhörer an und liest die Texte mit. Interessant ist die Geschichte, die Neal erzählt auf jeden Fall.

Neal hat die Scheibe nicht nur geschrieben und produziert, sondern auch fast alle Instrumente eingespielt. Die Drums überließ er seinem ehemaligen Bandspezi von Transatlantic, Mike Portnoy, einzelne Soli, sowieso die Bläser und Streicher gab er ebenfalls an andere Leute ab, doch für den Rest zeichnete er sich verantwortlich. Das hört man auch: Die Gitarren sind meist etwas im Hintergrund, dafür strahlt seine geliebte Hammond-Orgel oft über den Sound hinweg. Typisch Neal eben - und doch anders als auf den vorherigen Scheiben, auf denen er mitgewirkt hat.

Auch das Artwork versprüht diese Euphorie, die ich vorhin erwähnte: Himmelhochjauchzend eben. Wer auch immer da oben sein sollte. Bei der Aufmachung macht es richtig Spaß, sich die CD zu kaufen, denn gebrannt oder im Mp3-Format fehlt irgendwie die Hälfte. Das alte Dilemma.

"Testimony" ist abendfüllende Unterhaltung, die es zu entdecken gilt. Egal, ob Christ oder nicht. Hauptsache man hat ein Faible für progressive Musik.


Ähnlich:
Spock´s Beard, Transatlantic, Dream Theater, The Flower Kings, Marillion, Pink Floyd, Beatles

17.03.2005
hlmr


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!