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kayo dot - dowsing anemone with copper


Erscheinungsjahr: 2006
Label: robotic empire
Tracks: 5
Spielzeit: 60:17
Genre: metal
Subgenre: avantgarde metal
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Bewertung: 9/10

rating

Dass eine Metalband ihr Debütalbum auf John Zorns Tzadik-Label veröffentlicht ist ungewöhnlich. Und so ungewöhnlich ist dann auch die Band. Kayo Dot waren früher unter dem Namen Maudlin of the Well bekannt, die drei Alben zwischen freier Musik und Metal veröffentlichten. Post Metal oder Avantgarde Metal wenn man so wollte. Mit Kayo Dot ging Mastermind Toby Driver (nach umfangreichem Line Up Wechsel) noch einen Schritt weiter: Er verbannte weitestgehend normale Songstrukturen, dehnte die Tracklängen auf 10 bis 15 Minuten aus und komponierte weitaus sorgfältiger als bei Maudlin of the well, deren Songs eher aus Improvisationen geboren wurden. Es war eine Reise durch hoch und tief, schwarz und weiß, hell und dunkel, hässlich und schön, laut und leise. Godspeed you black emperor! in extremer und metallischer. Jeder Song eine kleine Suite für sich, fabelhaft.

Der Nachfolger "Dowsing anemone with copper" bohrt das gleiche Loch noch tiefer. Die Songs sind mitunter noch länger, die Songstrukturen noch aufgelöster und was vorher in einem Song passte, ist nun auf das ganze Album gedehnt. Am Anfang hat man damit Probleme, manche Strukturen wirken öde und langweilig. Taucht man aber tiefer in die Materie ein, offenbart sich die intensive Kompositionsweise der neuen Kayo Dot. Driver hat nicht einfach das Material von einem Song auf fünf verteilt, sondern er lässt die Songs wesentlich tiefer in die Stilrichtung und die Substanz eindringen. Wurden früher die doomigen Parts nur angespielt, werden sie jetzt auf über 10 Minuten gedehnt und tief ausgelotet. Wo früher die schönen, akustischen Parts oft nur wenige Minuten dauerten, sind nun fast komplette Songs so komponiert. Was nicht heißt, dass es in den Songs gleichförmig zugehen würde. Nur dauern die Genreausflüge jetzt fünf bis zehn Minuten statt nur zwei bis drei.

Der Einstieg in "dowsing anemone with copper" wird einem nicht leicht gemacht. "Gemini becoming the tripod" ist einer dieser Opener, die die CD wie ein Torwächter bewachen und keinen reinlassen, der nicht willens ist, sich mit der Musik zu beschäftigen. Ein düsterer, psychotischer Brocken, der harmlos mit einem in die Moderne transportierten 70s Progrock-Part anfängt, sich aber dann nach und nach in zähen, schwarzen Schleim verwandelt.

Die psychedelischen Akustik- und Schrammelgitarren verwandeln sich zu reißenden Riffströmen, die Streicher laufen aus den Bahnen und klingen irr und wirr, das Schlagzeug wirbelt und Toby Driver keucht, stammelt und kreischt sich unverständlich durch den kryptischen Text. Während der zu Anfang auftauchende angsterfüllend dichte Part schnell wieder abebbt um die Spannung zu entlassen und ganz langsam wieder aufzubauen, stehen die letzten 3 Minuten im Zeichen psychotischer Rauferei. Nicht unbedingt Metal, eher Psychocore, aber verdammt hart und schwindelerregend krank.

Konträr setzen Kayo Dot die eher ruhigen und teilweise wunderschönen "immortelle and paper caravelle" und "aura on an asylum wall" an den Anschluss des Openers. "Immortelle..." setzt ganz auf die Magie von ineinander verzwirbelten Gitarren und Violinenmelodien, untermalt von einigen seltsamen Geräuschspuren. Und man bemerkt deutlich die positive Entwicklung von Drivers - spät einsetzendem - Gesang, der hier sowohl selbstsicherer, als auch lieblicher und ausdrucksstärker geworden ist. "aura..." setzt zwar zu Beginn und besonders in den letzten drei Minuten wieder mehr auf die drückend psychotischere Schiene, aber dazwischen ist der Song reiner, spannender Progressive Rock-Wohlklang mit interessanten Trompetenlinien und mit einer eigenständig auftrumpfenden Rhythmussektion, die nie aufdringlich wirkt oder gar die Melodien der Violine, der Gitarren, der Flöte oder der Trompete in den Hintergrund drängt.

"____ on limpid form" stellt mit seinen fast 20 Minuten Spielzeit so etwas wie das Herz von "Dowsing Anemone" dar. Und macht die verblüffende Metamorphose aus einem mit fast schon poppigen Melodien ausgestatteten akustischen Prog Rock Song in einen Drone Doom Track durch. Man hat die zauberhafte Sangesmelodien Drivers und die mönchsartigen Chöre noch im Ohr und das nette E-Gitarrensolo ist noch gar nicht lange vorbei, da begraben einen düstere Gitarrenriffs und donnergrollende Drums im Zeitlupentempo. Feedbacks und Hi-Hats helfen einem kaum bei dieser Durststrecke in der Wüste. Und dieses merkwürdige, noch nie vernommene metallische Klappern in der zweiten Hälfte des 13-minütigen Doom Metal Parts macht die Sache auch nicht besser, eher noch furchterregender. Ein glühender Felsbrocken, an dem man sich die Finger verbrennt. Keine angenehme, aber eine seltene Erfahrung und durchaus mit den Drone Doom Konkurrenten dieser Tage messbar.

Der Ausklang ist - ganz im Sinne des Komponisten - wieder diametral entgegen gesetzt. Filigran und still. Kaum wahrnehmbar am Anfang. Leises Snare-Zischeln, tiefes Bassgrummeln. Ambient? Avantgarde Prog Ambient vielleicht. Auf jeden Fall die Macht der leisen Töne. Violinen schleichen sich zärtlich-düster heran, ehe der Song mit lauterem Schlagzeug und Gesang erst nach vier Minuten richtig eröffnet wird. Bis man die auf den ersten Blick zusammenhanglosen Gitarrenmelodiefragmente richtig geordnet hat, vergeht eine Weile. Aber irgendwann passt alles wie bei einem guten Puzzle zusammen - und macht Sinn. Genau wie das ganze Album: Auf den ersten Blick sind auf "Dowsing Anemone with copper" zusammenhanglose Teile aneinander gestückelt, bei denen ab und an ein guter Moment ans Tageslicht tritt. Erst nach und nach geben die Songs als in sich geschlossene Einheit Sinn.

Kayo Dot braucht Zeit um sich zu entfalten. Vielleicht hat man deshalb das Bild der Anemone gewählt, bei der nicht klar ist, ob sie die Suchende oder die Gesuchte ist. Ein fabelhaftes Album das jede Energie zurückgibt, die in es hereingesteckt wurde. Und deswegen schon jetzt eins der Alben des noch jungen Jahres.


Ähnlich:
Maudlin of the Well, ...in the woods

20.02.2006
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!