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inchtabokatables, the - mitten im krieg


Erscheinungsjahr: 2001
Label: strange ways
Tracks: 9
Spielzeit: 51:39
Genre: alternative
Subgenre: industrial folkrock
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Bewertung: 9/10

rating

Am Bezeichnendsten für diese CD dürfte wohl die Entstehungsgeschichte des Albumtitels sein. Die Band arbeitete hochkonzentriert an ihrem neuen Album. So konzentriert, dass sie das Frische-Luft-schnappen auch mal vergaßen und tagelang, sogar Wochen in ihrem Studio verharrten. Locker muss es zugegangen sein, das hört man. Inspiriert und relaxt. Als die gute Band aus dem Osten sich nach ihrem "Exil"-Aufenthalt wieder auf die Straße wagte, standen sie inmitten einer pulsierenden Großstadt-Ader. Überall Menschen, die vorbeihuschen. Überall Geschäfte, die alles Mögliche verkaufen. Überall etwas Neues zu entdecken. Geplättet von diesem Kontrast zum Studioaufenthalt entfleuchte einen Bandmitglied der Kommentar: "Das ist ja wie mitten im Krieg". Gesagt, benannt.

Doch man kann den Namen auch anders auslegen: Die Band befand sich 2001, als dieses Album veröffentlicht und aufgenommen wurde, im Krieg mit sich selbst. Anders ist kaum zu erklären, dass das immerhin schon sechste Album der Band mit dem unaussprechlichen Namen sich von allem bisherigen unterscheidet. Teilweise stark und teilweise deutlich. Von dem munteren Folk-Punk früherer Tage ist nicht mehr viel übrig geblieben. Von der fast schon Rammsteinartigen Brachialität eines Albums wie "Quiet" auch nicht. Die einzige Maxime, die die Band noch hatte, als "Mitten Im Krieg" entstand, war "No Guitars". Den Part übernehmen die drei Streicher (2x Violine, 1x Cello). Kennen wir von Apocalyptica. Die schaffen es auch, ein Gitarrenalbum ohne Gitarren aufzunehmen. Nur, dass die Inchies ein paar Jahre früher dran waren. Ein paar viele Jahre. "No Guitars" schließt allerdings nicht "No Computers" mit ein, was wohl auch für viele Fans der Band zum Verhängnis wurde. "Mitten Im Krieg" ist deutlich elektronisch beeinflusst. Der Opener "Unsatisfied" schockt (?) zum Einstieg mit Breakbeat-artigen Konstrukten. Das übliche Spiel: Viele Fans enttäuscht, Band gereift, ja sogar erwachsen. "Pseudo-Intellektueller Bullshit" - nur weil die Inchies keinen Bock mehr auf Spaßmusik hatten?

"Mitten Im Krieg" ist packend, berührend, euphorisierend, tief und - ganz banal gesagt: Einfach wunderschön. Eine nachdenkliche Sommerplatte. Wie geschaffen für einen sonnigen Wintertag. Trotzdem melancholisch, um nicht sogar zu sagen: Tragisch. Anders und faszinierend. Originell - sowas gibt es also auch noch in Deutschland. Sperrig ist durchaus auch ein Adjektiv, welches auf die CD zutrifft. Zu sperrig für Unterbelichtete. Dabei doch so leicht zu durchschauen. Eine widersprüchliche Platte? Nein, eine schöne Platte.

Vielleicht schimmert sogar im Schlussorchesterpart von "Closed Eyes" die Gelassenheit einer Band wie Sigur Rós durch. Vielleicht gibt es wirklich Leute, die sich in "Birthing Of A Day" verlaufen haben und bis zum heutigen Tage noch nicht wieder aufgetaucht sind. Vielleicht gibt es Menschen, die bei dem kauzig-traurig/fröhlichen "Rain" die ein oder andere Träne vergossen haben. Vielleicht könnte man während "Wenn Du Schläft" meinen, dass Thomas D. am Werk war. Vielleicht ist "Endless Rail" wirklich der ausdruckstärkste Track des Albums. Schließlich braucht er als einziger keinen Gesang. Vielleicht hat "Escape" das packendste, hypnotisierendste Loop seit langer Zeit. Vielleicht ist "Mitten Im Krieg" der Beginn einer großen Liebe. Vielleicht ist dieses Albums eines, auf das viele gewartet haben, ohne es zu wissen. Vielleicht ist "Mitten Im Krieg" auch nur deshalb so toll, weil man gewisse Erinnerungen damit verbindet.

Wenn man nicht genau weiß, wie man sich fühlen soll - wer urteilt dann darüber, was richtig oder falsch ist? Wenn man sich bemüht, alles richtig zu machen und trotzdem etwas schief geht? Wenn man nicht genau weiß, ob man so weit gehen will. Ob das wirklich das Richtige ist. Wenn man nicht genau weiß, wo die Grenzen zwischen der Realität, der Traumwelt und der anderen Seite sind. Wenn man nicht genau weiß, ob man diese Grenzen jemals finden wird. Man versucht sein Bestes, doch ist das Beste in diesem Fall gut genug? Kann man davon ausgehen, dass alles wie ein Hollywood-Film endet? Dass man sich in den Armen liegt? Glücklich? Natürlich nicht. Doch vielleicht gibt es hier auf dem Weg zur Weisheit viele Hinweise und Deutungen. Man steuert in einen Zustand seelischer Unentschlossenheit - mitten im Krieg?

Jedenfalls hat wohl die Band selbst gemerkt, dass "Mitten Im Krieg" etwas Besonderes ist. Denn dieses Album war der Schlusspunkt unter die Karriere der Band, die sich immerhin über elf Jahre erstreckte. Aufgelöst. Damit man die Lebensgefährtinnen endlich mal kennen- und vielleicht sogar lieben lernt, wie es auf der Homepage der Band heißt. Um Eis zu essen. Um im Stehen zu pinkeln. Um einen Baum zu fällen. Um einen Brief zu schreiben. Allerdings deklariert man diese Zeit nur als Pause. Wahrscheinlich wird diese wiederum elf Jahre dauern. 2014 wäre es dann wieder soweit. Genug Zeit, um ein Eis zu essen. Um auch mal im Stehen zu pinkeln. Oder der Lebensgefährtin einen Blumenstrauß zu schenken. Um sie kennen zu lernen. Vielleicht schaffen es die Inchies sogar schneller. Ich persönlich hätte nichts dagegen.

27.03.2005
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!