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in the woods - strange in stereo


Erscheinungsjahr: 1999
Label: candlelight
Tracks: 10
Spielzeit: 63:15
Genre: metal
Subgenre: progressive gothic metal
inthewoods.jpg
Bewertung: 9.5/10

rating

Kennengelernt habe ich diese fantastische norwegische Band mit der vorigen Scheibe "Omnio" (1997), in einer dessen Kritiken diese Band mit dem Prädikat
"Progressiver Gothic-Metal" ausgezeichnet wurde, was aufgrund der Längen der Songs (damals über 10 min) und der komplexen Strukturen passte, wie die unsägliche Faust aufs Auge.
Auf der aktuellen Studio-CD wurden die Songlängen etwas herabgesetzt, trotzdem kann man das hier vorgebrachte Liedgut mit bestem Gewissen noch als progressiv (im wahren Wortsinne) betrachten, mit tausenden von neuen Ideen gespickt, die so vorher im düsteren Metal noch nicht zu hören waren, mit ungewöhnlichen packenden Songstrukturen, mit einem gemischten Sänger-Doppel, das diese Bezeichnung auch verdient und mit Musikern die nicht nur ihre Instrumente beherrschen, sondern auch damit experimentieren.

Bereits Songtitel wie "Vanish in the Absence of Virtue" oder "Generally more worried than married" sollten dem Rezipienten klar machen, dass es sich hier nicht um herkömmliche Musik handelt, vielmehr um etwas Einzigartiges. Die Songs lassen sich nicht einfach so nebenbei hören, sie schreien geradezu nach einer intensiven Beschäftigung mit ihnen.
Schon im Opener "closing in" werden Klischees so gut umschifft, dass der geneigte Hörer nicht mehr weiß, mit was für einer Art Musik er es hier zu tun hat. Der Beat ist merkwürdig verschachtelt und ein wenig trippig geraten, die Vocals kommen seltsam entrückt durch einen Vocoder, der aber ganz anders klingt als üblich, die Struktur hat weder Refrains noch Strophen oder ähnliches zu vermelden, es ist wie ein Bewusstseinsstrom, der an einem vorüberzieht und einen irgendwann nach mehrmaligem Hören mitreißt. Der Text ist sehr assoziativ gehalten, einfaches Entschlüsseln der Gedanken von Jan K Transeth ist so nicht möglich und der Leser kann sich selbst in die komplexen, metapher- und symbolbehafteten Lyrics einlesen und diese interpretieren.

Die Qualität fängt aber nicht erst in den Songs an. Bereits auf dem Cover mit den künstlichen Schaufensterfiguren, die ein Paar vor rotem Vorhang darstellen, wird eine mystisch angehauchte, seltsam entrückte Stimmung erzeugt, apathisch und künstlich, aber warm. In Zusammenhang mit dem Titel "Strange in Stereo" lassen sich natürlich allerhand Vermutungen anstellen. Ist es eine Anspielung auf die Irrungen und Wirrungen zwischen Mann und Frau, ohne dessen Unterschied es wahrscheinlich keine Kriege geben würde, ist es einfach eine Anspielung auf die Musik von In the woods, oder eine Betrachtung der Symmetrie in der Natur?

Aha-Effekte stellen sich hier nicht nur einmal ein und das ist es, was eine Band aus der Masse in den Olymp hebt.

Natürlich gehört dazu mehr als ein gutes Artwork, in der Musik setzt sich die Genialität auch über den ersten Titel hinaus fort: "Cell" und "Basement Corridors" sind avantgardistische Versuche, aus der herkömmlichen Klangwelt auszubrechen, beide mit dem weiblichen Gesangspart Synne Sopranos (sic) ausgestattet, die mit ihrer sehr variablen und traumhaft starken sowie gleichzeitig zerbrechlichen Stimme diese Songs bestimmt. Ersterer ist mit seiner Violine sehr entrückt und fragil traumgleich, einer Reise im Äther gleich. Die Gitarren klingen ungewöhnlich, ein wenig asiatisch vielleicht, aber auch an Anderes erinnernd. Der Song pulsiert, er lebt, er nimmt dich mit auf seine ureigene Reise, durch Verzweiflung wie auch durch Erkenntnis, mit seinem oft eingesetzten Minimalismus wirken die bombastischen Passagen noch größer und erhabener, was nur wenige Bands auch adäquat umsetzen können. Letzterer der beiden Ausreißersongs im positiven Sinne - "Basement Corridors" ist mit Abstand der merkwürdigste Song auf dem Album. Gleich zu Beginn wird der Hörer mit durch Effektgeräten derart entfremdeten Gitarren konfrontiert, dass man den Sound für ein neues Instrument hält. Das später extrem heranschwellende Rauschen ist eine Härteprobe für jedes Gehör, ist zeitlich auf wenige Sekunden beschränkt und erscheint einem manchmal dennoch unterträglich lang. Der Rest des Songs ist mehr oder weniger ein absurdes Kammerspiel aus Synnes Stimme, der Violine und des Basses. Der Rest der Band hält sich vornehm zurück und lässt diesem komplexen Klangkosmos die Zeit und Ruhe, sich zu entfalten, was vor allem der Stimme zugute kommt. Fast schon mit zeitgenössischer E-Musik zu vergleichen, so ausdrucksstark ist zeitweise die Violine und Synnes Stimme. Für einen Klassiker ist der Song allerdings zu unanhörbar, da kommt schon eher der dritte Track namens "Vanish in the absence of virtue" in Frage, der geschickt zwischen diesen beiden Experimenten angebracht ist.
Wer bei Mann/Frau-Duetten immer an Theatre of Tragedy und Konsorten denkt, sollte hier einmal reinhören: In the woods zeigen, wie mans wirklich macht. Nicht gegeneinander, sondern miteinander wird hier das Treffen der Geschlechter zelebriert, so dass helle Freude aufkommt bei allen Melodiefetischisten. Was hier an süßer Trauer rübergebracht wird, das gleicht keiner herkömmlichen Band, das ist intelligente, düstere Musik in Reinkultur, hier dreht der Geist seine eigenen Pirouetten und schwebt, abgelöst von Raum und Zeit, durch den Äther. Wohl ein Versuch, einen herkömmlichen Song zu schreiben, was der Band nicht geglückt ist, stattdessen, ein emotionaler Song der Extraklasse.

Bis jetzt blieb der fantastische männliche Gesang von Jan Transeth relativ außen vor, bei Nummer Fünf hat genau dieser seinen Auftritt, in fast allen Facetten, derer die Stimme mächtig ist. Vom arroganten, ein wenig apathischen Sprechgesang, bis zum herzzerreißenden Wehklagen wird hier alles vorgebracht, und wenn der Song dann agressiv wird, bleiben Herzen stehen, wird mitgelitten.

Nach diesem Song ist nichts wie vorher. Haben die sechs Klangmystiker es bisher geschafft, ihre komplexen Soundwelten in relativ knappe, die Sechsminutenmarke nicht übersteigenden Songs zu packen, wird mit dem angesprochenen "generally more worried than married" fast die 9-Minutengrenze erreicht, die auch benötigt wird, um dem Song seine Entwicklung zugestehen.
Die wehklagenden Gitarren schaffen eine fantastische Melodie nach der anderen und geben so einem der traurigsten Songs des Albums gleichwohl Tiefgang, wie auch Melancholie an der Oberfläche.
Ab jetzt sind die Songs im Allgemeinen länger, bis auf das Zwischenstück "Shelter" (das so klingt wie es heißt, leider nur eine halbe Minute lang) wird der Durchschnitt von 7 Minuten locker erreicht. Die wahren Höhepunkte sind nach dem abgehackten und düsterem "path of the righteous", das eine Rachethematik musikalisch perfekt umsetzt, allerdings weitgehend vorbei. Es bleiben mit "Dead man´s Creek" und dem etwas schwächeren "Titan Transcedence" zwei fantastische Songs, die aber wenig neues in den Waldenen Klangkosmos hinzufügen. Erst in "By the Banks of pandemonium" wird mit einer sehr paranoiden Stimmung zum Schluss nochmal die ganze Kreativität und Phantasie des Hörers gefordert, um den Song passend im Gehirn umzusetzen.

Kurz: Hier stimmt einfach alles, perfekte poetische, tief- und hintersinnnige Texte, ein tolles kunstvolles Cover und zusätzlich eine Spielzeit von über einer Stunde, das alles macht ein Kunstwerk perfekt!
ABER: Ungeduldige Leute sollten die Finger von dieser CD lassn, dies alles erschließt sich dem Zuhörer erst nach einigen Durchläufen - so ganz anders und eben progressiver als die üblichen Gothic Metal Bands.


Ähnlich:
Tiamat, Anathema, Drawn, Pink Floyd

27.03.2005
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!