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in extremo - verehrt und angespien


Erscheinungsjahr: 1999
Label: mercury
Tracks: 13
Spielzeit: 51:58
Genre: metal
Subgenre: Mittelalter Metal
inextremo.jpg
Bewertung: 5.5/10

rating

Nachdem die Zeit der Ritter, der Burgen und der holden Fräulein, die mit Keuschheitsgürteln dieselben bewohnten und sich aufdringlichen Schlüsseldiensten erwehren mussten, 500 Jahre und mehr vorbei ist, konnten sich wohl einige Herren aus dem Osten Deutschlands nicht dem Gedanken erwehren, dass dann wohl doch etwas aus den alten Zeiten fehlte und gründeten so In Extremo.
Anfang der 90er war das wohl und der Erfolg der Band begann ihren Lauf, eine breitere Öffentlichkeit erreichte die Band erstmals mit ihrer ersten CD "Weckt die Toten!".

Auf einzigartige Weise verband die Band darauf harte, moderne Rockmusik mit alten Waisen, die durch Schalmei, Dudelsack (selbstgebaut) und ähnliche althergebrachte Instrumente durch die Songs schienen.
Der raue Charme, der von ihren mitunter respektlosen Songs ausging, war vor allen Dingen dem Sänger "das letzte Einhorn" (die Pseudonyme fand ich schon immer scheiße) zu verdanken, der in verschiedensten altdeutschen Dialekten (durfte auch mal Latein sein) Texte über das Leben annodazumal zu berichten wusste. Fand ich toll, besonders die mitreißenden Dudelsackmelodien beeindruckten mich immer wieder aufs neue, wohingegen die Rock und Metalelemente in den Songs oft noch etwas holprig daherkamen, aber da lag auch gar nicht so sehr das Gewicht drauf.

Durch konstantes Touren und große Promotion erzielte die Band mit dieser Mischung (ja, In Extremo spielen auch Mittelaltermusik ohne die neumodischen Einflüsse, weitaus weniger erfolgreich, dafür umso lustiger) eine große Fangemeinde, scheinbar hatte die Metalwelt nur auf so etwas gewartet. Auch in sämtlichen Magazinen feierte man sie beachtlich ab!

Natürlich musste man dann nach dem erst 98 auf CD veröffentlichten Erstling baldigst etwas nachschieben, was trotz des exzessiven Tourens im Jahre 1999 geschah, und nicht wenig Aufmerksamkeit erregte. Immerhin war "Verehrt und Angespien" auch in den deutschen Top 20 der Charts.

Durch erste Plätze in vielen Fanzines wurden wohl alle angesprochen, die die Jungs jemals Live gesehen hatten und darüberhinaus wahrscheinlich auch zahlreiche Neugierige, die auch mal ausprobieren wollten, was die 7 gutgebauten Herren da vom Stapel lassen.

Durch das eingespielte Geld wollte man nun anscheinend nichts anbrennen lassen und beanspruchte die Vielklang Studios unter Mithilfe von Ekkehard Strauhs reichlich lange. Was rauskam, ist rein produktionstechnisch mit den Rammsteinwerken vergleichbar, hier steht jedes Instrument klar neben dem anderen, die Gitarren kommen fett aus den Boxen gequillt und die Drums treiben dir den Schweiß aus den Poren.
Nur: Mir ist der eigentümliche Charme verloren gegangen, den die Band selbst geprägt hat, "Verehrt und Angespien" ist einfach zu modern und irgendwie zu perfekt und eine Anbiederung an die derzeit so erfolgreiche Neue Deutsche Härte, wie eben Rammstein und Co.

Das Album beginnt mit den Merseburger Zaubersprüchen, bzw. einer marktschreierischen Voranstellung einer Selbstvorstellung vom letzten Einhorn:
"Hört von den sieben Vaganten,
die ihr Glück in der Hölle fanden.
(...)
verehrt und angespien,
sind sie bekannt im ganzen Land,
Von allen In Extremo genannt"
Durchaus der Atmosphäre dienlich, aber musste das wirklich sein? Besonders poetisch wertvoll, oder irgendwie einfallsreich oder witzig ist das nicht.
Unterlegt ist der Anfang von schönem Harfen- und Bassspiel, musikalisch durchaus gelungen.
Der Chorus zitiert alsbald auch diese Zaubersprüche, die wohl im Mittelalter dazu benutzt wurden, müde und kranke Leute munter zu machen, bevor es musikalisch dann richtig hart losgeht, allerdings immer eine Dudelsackmittelaltermelodie in Petto.
Leider wird der Song doch mehr von den harten, nicht allzu geistreich gespielten Gitarren getragen, der Chorus ist auch nicht das Gelbe vom Ei, lediglich gegen Ende vom Lied wird das Ganze ansprechend mitreißend, was man vom nächsten Lied "Ich kenne Alles" durchaus gänzlich behauptet kann!
Textlich in neudeutsch gehalten, wird hier über den Weisen philosophiert, der alles kennt, nur sich selber nicht. "Ich, das unbekannte Wesen", sozusagen. Nett umgesetzt, nur leider ohne weiteren Tiefgang, was nicht allzu schlimm ist, vorausgesetzt man hat musikalisch derart mitreißenden tanzbaren Mittelaltermetal zu bieten. Hier blitzt das Können von In Extremo auf, eindeutig ein Anspieltip und ein Bringer auf Konzerten. Wirkt nur auf Dauer ein wenig eintönig und kritisieren muss man auch wieder die hier etwas punkiger gespielten Gitarren, die den Fluss des Songs eher stören, als ihm zu dienen.

Als nächstes DAS Lied. Letzten Endes das Lied, welches das Album doch noch vor meinem persönlichen CD-Schafott rettet! "Herr Mannelig" ist gänsehauterzeugender Song, sowohl im Original, als auch im am Ende der CD als Bonus vorhandenen Akustik/Unplugged Replay.
Der Song ist eine perfekte Symbiose aus Rock und mittelalterlichen Melodien, die hier direkt am Anfang durch den Dudelsack und die Akustische Gitarre rübergebracht werden, und später durch den vorsichtigen Einsatz von harten Gitarren aufgelockert werden. Vorwärtsgetrieben von einem songdienlichen, treibenden Bassspiel und dem Bollwerk aus Drums kommt bei mir zum ersten Mal Begeisterung auf, nicht zuletzt durch den immer wieder auftauchenden Dudelsack, der diese traumhaften Melodien spielt. Aber auch durch das letzte Einhorn, der hier in seinem Text, der von unerwiderter Liebe einer Trollin zu einem edlen Ritter handelt, trotz falscher Aussprache aufgeht.

Danach aber wieder Enttäuschung. Das auch von Promosamplern bekannte "Pavane" ist mit seinem langweiligen düsteren Dudelsackintro viel zu lang, und obwohl es der härteste Song des Albums ist, lässt er mich völlig kalt. Der Gesang und die Betonung mag eigenständig sein, hört sich aber nüchtern betrachtet eher grauenvoll an, die Gitarren sind ein einziges Klischee, da rettet auch der hübsche Refrain nicht viel, in dem mal wieder die altbackenen Dudelsackmelodien auftauchen. Von dem lateinischen Liebeslied merkt man hier nicht allzu viel.

Nächster Versuch: "Spielmannsfluch". Ganz nett, aber wirklich gut ist der Song auch nicht, dazu ist zuwenig Innovation in den tausendfach gehörten Melodien vorhanden, zudem nervt hier der aufdringliche Bass.

Dann beginnt der Schrecken: "Weiberfell" ist textlich und musikalisch ein totaler Reinfall. Das fürcherliche Machwerk kommt noch nicht einmal an die schlechtesten Rammsteinlieder ran, der Gesang ist ein Schatten seiner selbst - will morbide sein, ist aber nur lächerlich, wie er von feuchten Träumen erzählt. Die Gitarren sind einfallslos und abgekupfert, der Aufbau ist viel zu vorhersehbar, der Text etwas für Pubertierende. Aus. Weiter. "Miss Gordon" kommt. Eine alte Weise, instrumental und auf der Harfe vorgetragen, erinnert an diverse ältere Folkbands, ein nettes Zwischenspiel mehr nicht.

Textlich geht es fürchterlichst weiter. Beispiel gefällig?
"Werd ich am Galgen hochgezogen" (so auch der Titel) "weiß ich, wie schwer mein Arsch gewogen."
Haha.
Immerhin einprägsam und mitsingbar, insofern ein erfülltes Klassenziel. Aber musste es so plump sein? Musikalisch durchaus in Ordnung, wieder ein recht schneller Kracher, der auf diesem Album aber schon zweimal gespielt wurde, "ich kenne alles" und "spielmannsfluch" gabs ja schon, wobei ersterer sogar besser ist.

Als nächstes ein Coversong. "This Corrosion", im Original von Sisters of Mercy.
Nichts gegen Coversongs - wenn sie gut gemacht sind.
Aber das hier ist eine Katastrophe, englisch hört sich beim Einhorn eh schon nicht an, aber musikalisch ist der Song ein noch größeres Desaster, einzig das Dudelsackspiel ist ein Lichtblick. Schlicht und einfach schlecht. Die Gitarrenarbeit zwar bemüht, findet aber keinen Anschluss, der Gesang ist unter aller Katastrophe, will düster und böse rüberkommen, ist aber einfach nur kümmerlich mit Effekten verunstaltet.

Santa Maria is next, ein typischer In Extremo-Song, in altspanisch vorgetragen. Nichts besonderes.
Eine Überraschung gegen Ende bietet dann "Vänner och Frände", das so oder so ähnlich auch von einer nordischen Folkmetalband (besser) gespielt hätte werden können. Lustig und originell ist der schön tanzbare auflockernde und mit Effekten versehende Mittelpart, der eher an diverses Rock´n`roll Zeugs aus den 70ern erinnert, ähnlich den Retroparts, die Amorphis auch auf ihrem "tales from the thousand lakes" Album verwendeten.
Der federnde Rhythmus ist zwar nicht besonders gefällig, aber alles in allem ist das Lied eine willkommene Abwechslung, auch wenn es nicht oft anhörbar ist.

Das Lied, welches als Bandhymne dienen sollte, dann am Schluss. "In Extremo" also. Eine Hymne ist es dann doch nicht geworden, eher eine Karikatur von einer. Mal wieder wird Rammstein imitiert und eine Dudelsackmelodie drüber gelegt. Dennoch solides Mittelfeld, weil partiell mitreißend und mit wohl ausformulierter Dudelsackmelodie.
Bevor die CD ausklingt, darf man noch die angesprochene und ansprechende Unplugged Version von "Herr Mannelig" aufsaugen.

Nach einem Spitzensong, 3 guten Tracks, zwei Totalausfällen und dem Rest im Mittelfeld ist nach über 50 Minuten Schluss. Teilweise wars erfrischend, jedoch zu oft abgestanden - und In Extremo sind auf bestem Wege, zur massentauglichen, blassen Kopie ihrer selbst zu verkommen.

27.03.2005
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!