. .

harvestman - lashing the rye


Erscheinungsjahr: 2005
Label: neurot recordings
Tracks: 12
Spielzeit: 64:41
Genre: alternative
Subgenre: instrum. psychedelic guitar
harvestman.jpg
Bewertung: 6/10

rating

Harvestman bezeichnet nicht nur den Spinnenverwandten Weberknecht (obwohl der auch zur Musik auf "lashing the rye" passen würde), Harvestman ist auch das englische Wort für Erntemann. Und um diese besonders in ländlichen Gegenden von Amerika verbreiteten Tätigkeiten des Getreidemähens und -bindens ranken sich nicht wenige Mythen. Die Kinder des Mais ist eine nicht ganz unbekannte, grausige Kurzgeschichte von Stephen King und auch die Illustration im Booklet von "Lashing the Rye" spielt mit den unheimlichen Gedanken über das Zusammenbinden von toten Pflanzen, über endlose gelbe Felder voll Stroh und die meditative Bewegung des Absichelns. Ein garstig anzusehender Erntemann kommt dort hinter den Strohbündeln hervor, und trotz aller Gräßlichkeit sticht doch die Melancholie in seinen Augen hervor. Eine Melancholie ausgehend von der Vorherbestimmung des Seins, von den ewig gleichen Zyklen, von der Vernichtung und Austrocknung des Lebens, dem ohnehin nur ein Dahinsiechen auf trockenem Boden gegeben ist.

Und Harvestman setzt genau dieses Bild in Töne um. Die oftmals recht langen, fast ausschließlich instrumentalen Tracks sind in erster Linie nur gitarreninstrumentiert. Diese werden allerdings mit einem ganzen Haufen Effektgeräte (hauptsächlich Reverb, Chorus und diverse Verzerrungen) bearbeitet, so dass aus den eigentlich einfachen Gitarrenspuren in den besten Momenten vielfältig schimmernde, psychedelische Waberklänge werden, die eine karge Melancholie gemeinsam haben. Die Hälfte der Songs, zumeist die kürzeren, stammen nicht aus der Feder Steve von Tills (der hier bis auf wenige Ausnahmen solo auftritt), sondern sind amerikanische oder schottische Traditionals, wobei letztere naturgemäß neben der Gitarre von Dudelsack (gespielt von John Goff) dominiert werden. Weitere gelegentliche Abwechslung stammt von Erica Little, die auf "Sheep-Crook and Black Dog" in die Instrumente gemischten und verfremdeten Sakralgesang beisteuert und auf dem langen "Surround Me", dem längsten, besten und Neurosis/Postrock-ähnlichsten Song auf der CD, die Diva vor dem Abgrund mimt. Dieses "Surround me" ragt (nicht nur wegen der Länge von fast 12 Minuten) wie ein bedrohlicher, riesiger Berg aus dem ansonsten eher flachen Material von "Lashing the rye" heraus. Mit zaghaft gezupften Akustikgitarren, einem leisen, aber effektvollem apokalyptischen, auf und abschwellenden Sample (wie es auch gelegentlich auf Neurosis-Songs auftaucht) und dem Gesang Littles breitet es eine Klanglandschaft aus, die man sonst nur von Constellation-Bands gewohnt ist - und spätestens wenn die grenzenlos traurige Violine einsetzt ist man in diesem hoffnungslosen Konglomerat gefangen. Von Tills vocoderverzerrtes Gerede hätte es da nicht gebraucht, es stört nur.

Die übrigen elf Songs von "Lashing the rye" sind aber daneben überwiegend zu karg aufgebaut, um Interesse zu wecken. Der Opener "Amongst the Heather" animiert mit seiner an Vangelis (!) erinnernden Melodie und den unanimiert zum verhaltenen Kreischen gebrachten Gitarren eher zum Einschlafen, das folgende "The Burning of Tara" ist mit der Unheil versprechenden einleitenden Pianomelodie und der verlorenen Gitarrenspur atmosphärisch weitaus gelungener, aber zu lang (6 Minuten) und ideenlos, um vollends zu fesseln, das gleiche Problem hat auch das mit einer schönen Melodie gesegnete "Melleadh" (7 Minuten). Die beiden kurzen Dudelsackstücke stören eher das Gesamtbild, als ergänzend zu wirken und auch ein Großteil der anderen Traditionals lösen sich eher in Klangwolken auf, als mit Melodie oder Stimmung zu punkten.

Vollständig gelungen ist neben "Surround me" nur noch das ebenfalls von der Akustikgitarre dominierte "Over nine waves", das mit einer repetitiven, einfachen Melodie einlullt und darüber ganz langsam und kaum merklich immer neue Schichten hüllt, was eine alptraumhafte Atmosphäre verströmt, die ihresgleichen sucht.

"Lashing the rye" ist eine ungewöhnliche CD geworden, die wahrscheinlich nur wenige Bewunderer findet. Verstrahlte auf der Suche nach einem Jimi Hendrix (mit weniger Fingerfertigkeit) der Verdammten vielleicht. Oder solche, die bei Neurosis-CDs immer zu den apokalyptischen, instrumentalen Zwischenparts spulen. Denen Steve Von Tills Solo-CDs zu viel Singer/Songwriter und zu wenig Geräusch waren. Oder Tribes of Neurot Fans auf der Suche nach reduzierterem, Folk-näherem Kram. Vielleicht auch so manch Constellation/Postrock Fan, dem G!YBE zu viel Instrumente und Entwicklung beinhaltet.

Schade ist das mit den wenigen Bewunderern besonders wegen des tollen "Surround me", ansonsten ist die CD in der Exotenecke (dort unter kann, aber muss nicht) ganz gut aufgehoben.


Ähnlich:
Steve von Till, Tribes of Neurot, Neurosis, Jimi Hendrix, Neil Young

04.12.2005
stativision (Tobias Goris)


:: Comments ::


Comment
Name:

Comment:

Security question, please solve:

J7W         D78      
T      S    8     7S6
BJ7   G7L   X7H      
  T    4      B   WLL
79L         D6R      



Letzte Kommentare

  • kasse4: pflichte bei - sehr, sehr schönes Album und dass Elephant nach Pearl Jam klingt: Na und :) Es gibt schlimmeres, zum Beispiel nach Staind klingen :)
  • toastn: Immer noch eines meiner liebsten Alben. Sehr viele Sounds und Ideen verarbeitet. Nicht zuletzt Erinnerungen an die Heimat und die Neunziger in HB. Big up Saprize. Danke für die schöne Zeit...
  • lwith: einfach nur kult ein album für die ewigkeit
  • Jens Schröder: Die schlechteste Kritik über die Lebenstrip-CD, die ich je gelesen habe. Dem Rezensenten fehlt jegliches Gespür für Musik. Das ist pseudo-elitärer Dünnschiss!!
  • Torn Fan: Die Musik ist gut... nicht nur gut sie ist richtig geil! Diese Kurzkritik hat nichts mit Musikverstand sondern eher mit Geschmack zu tun.