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hacke, alexander - sanctuary


Erscheinungsjahr: 2005
Label: koolarrow/indigo
Tracks: 11
Spielzeit: 54:20
Genre: alternative
Subgenre: avantgarde (electro)rock
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Bewertung: 7/10

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Alexander Hacke war auf Reisen quer durch Welt und hat uns etwas mitgebracht. Ein kaum vergleichbares Sammelsurium an Ideen, Konzepten, Bildern und Klängen. Und hat einen ganz besonderen "Sanctuary" daraus gebaut. Hacke selbst ist der Zeremonienmeister, der ganz alleine aus vielen kleinen Gedanken Songs gebastelt hat. Aber es wäre keine Reise gewesen, wenn Hacke nicht auch viele Bekannte und Verwandte im Geiste getroffen hätte, die mit ihm kollaborieren, wenn sie schon nicht die Songs schreiben. J.G. Thirlwell (Foetus) hinterlässt hörbar seine elektronischen Künste auf dem Titeltrack (wo er mit Caspar Brötzmann in bester Gesellschaft ist) und auf "Per Sempre Butterfly", wo auch Gianna Nannini (!) ihre Kooperationsbereitschaft beweist und ihre ausdrucksstarke Reibeisenstimme beisteuert. Gegen Ende taucht sogar David Yow (Jesus Lizard) aus der langjährigen musikalischen Versenkung auf, indem er auf "All american happy hour" die Drums programmiert und sich auf "Brush/Throat" die Zähne putzt - während sich Hacke selbst an Innuit-Kehlkopfgesang versucht. Klingt alles reichlich seltsam. Und ist es auch.

Keine Frage, "Sanctuary" ist ein zerrissenes, kein leichtes Album. Die Songs erscheinen in Blöcken: Die ersten vier Songs sind lose durch ihren Sound verbunden, der zwischen frühem organisch-avantgardistischen Industrial und relaxtem, aber dynamischem Trip Hop variiert. Percussion- und geräuschlastig, meist ohne Gesang, dafür aber mit immer mal wieder auftauchenden, gezupften Gitarrenmelodien. "Minnie and me" ist gemäßigt experimenteller Industrial mit abgedrehten, leisen Gospelversuchen, "Sister" ist ein vertonter Frauen-Selbstverteidigungskurs (mit Sprachsamples desselben). Basslastig und dynamisch perkussiv. "Love me love me dog" könnte auch einer Session vom frühen Tricky stammen und "Sonntag" ist eine Skizze aus einem Kurzfilm von Matthias Heise. Der heißt "Alles wird gut", im Song aber wird über verträumten Gitarren und verstörendem Zirpen "herumgeschnitten". Untermalt von Trip Hop Rhythmen.

Der Titeltrack nimmt mit seinen 13 Minuten einen Block für sich selbst ein. Bei den ersten Hördurchgängen ist man durch die offenbarte Trivialität der repetitiven Power Akkorde verstört, nach und nach entdeckt man darunter aber Feinheiten, die den Song zwar immer noch zu lang erscheinen lassen, ihm aber ungeahnte Tiefe verleihen. Unter der Oberfläche brodelt es. Verwandt in Ästhetik und Konzept frühem Industrial (Rock). Nur der Gesang ist in seiner affektierten Art auf Dauer wenig passend.

Danach lösen sich selbst die Blöcke auf. In "Yours Truly" trötet ein Bläser bevor der Wecker klingelt und sich unheimliches Getöse breit macht; "Seven" ist ein dekonstruktivistischer Hartrocker im Industrialstil und archaischer Percussion zwischendurch. Letztere unterstützt auch massiv den Quasi-Hit der CD "Per Sempre Butterfly" (Orientpop meets Industrial und...) - wie gesagt veredelt mit Nanninis Italogesang.

Kurz vor Ende überrascht Hacke noch einmal mit dem überlangen, zehnminütigen "Sugarpie", einem der besten Songs der CD. Über einer unglaublichen Basslinie kommt und geht das Zirpen einer bluesigen Gitarre, bauchige Percussion und die gesprochene Lyrik von W.C. Williams. Ergreifend wie hypnotisch.

"Sanctuary" ist der vertonte Eindruck einer bizarren Welt. Man meint, Hacke würde sich die wirklich interessanten Impressionen nicht aus der Touristen-Ästhetik entlehnen, sondern einer abwechslungsreichen unteren Schicht, die sich nicht jedem Betrachter offenbart. Surreale Formen und bunte, aber dunkle Farben gehen eine unheilige Liasion ein und verhelfen "Sanctuary" zu einem pulsierenden, finsteren Eigenleben, das bei genauem Hinsehen auch viele positive Seiten offenbart. Sicher nicht ganz so gelungen wie die Neubauten in ihrer Anfangsphase, aber davon auch (bis auf so manche äußere Form und Klangfarbe) abgegrenzt. Es war mehr als nur den Versuch wert - vielleicht ein Auftakt in weitere und tiefere Gedankengänge des A. Hacke?


Ähnlich:
Foetus, JG Thirlwell, Pigface, Tricky, Recoil, Swans, Coil, The Young Gods, Death In Vegas, U.N.K.L.E., Tweaker, Nine Inch Nails, Maxim, Einstürzende Neubauten, Throbbing Gristle, Revolting Cocks, KMFDM, Skinny Puppy, Caspar Brötzmann, Psychic TV

13.09.2005
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!