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connelly, chris - night of your life


Erscheinungsjahr: 2004
Label: underground
Tracks: 10
Spielzeit: 47:05
Genre: alternative
Subgenre: singer/songwriter
connelly_night.jpg
Bewertung: 8/10

rating

Kaum ein Songwriter betitelt seine Alben derart nach der transportierten Stimmung wie Chris Connelly. Sein letztes Album "Private Education" war genau das - eine sehr private Stunde mit Connelly, der bis auf ein paar Backing Vocals das komplette Album im Alleingang fertigstellte; "Blonde Exodus" war ein opulentes, verschwenderisches und dekadentes Werk, mit Streichern und einer großen Band aufgemotzt und nun klingt "Night of your life" wie eine laue, helle Mondnacht am See. Bis der Sonnenaufgang kommt.

Die CD ist insofern ein Zwischending der beiden letzten Alben, als dass weder eine komplette Band oder gar ein Orchester bemüht wird, noch auf jegliches fremdes Personal verzichtet wird. Zwar schreibt Connelly auch auf "night of your life" alle Songs, singt und spielt sämtliche Instrumente, mit im Studio waren aber auch Jamie Muhoberac, der als Studiomusiker bekannte Keyboardspieler und Chris Bruce (war auch schon beim frühen "Phenobarb Bambalam" mit von der Partie), der Bass und Gitarren bedient und das Album produzierte. Daraus resultierend ist "night of your life" nicht die intime, intensive Sitzung geworden, zu der "Private Education" geraten ist. Vielmehr ist es eine Ansammlung von 10 entspannten, mitunter romantischen Songs geworden, die ähnlich auch im Connelly-Backkatalog einen Platz gefunden hätten, aber alle ein kohärentes Gefühl transportieren, sogar die ungewöhnlichen "Reoulettescape" (relativ rockig) und "Cartwheel Proposal" (Country-Blues). Sie alle atmen eine weltmännische Eleganz, aber ebenso ein heimeliges Kaminfeuergefühl, ohne wirklich in Kitsch abzudriften und auch die dandyhafte Dekadenz von "Blonde Exodus" ist teilweise wieder zu spüren. Noch immer erinnert Connelly an den frühen David Bowie, aber ebenso ist ein klein wenig Morrissey und viel Scott Walker zu hören und ständig tauchen geschickt eingebaute Zitate aus sämtlichen alternativen 80er Jahre-Szenen auf. Letztlich wird all dies aber zu einem sehr eigenständigen Cocktail vermischt, der in jedem Ton nach Chris Connelly klingt.

Die Schwerpunkte auf "night of your life" liegen auf den ausgefeilten, oft mehrstimmigen Gesangsarrangments und - stärker noch als auf dem letzten Album - auf den wieder abwechslungsreicheren Gitarren. Überwiegend akustisch, aber nicht selten auch elektrisch verzerrt und effektbeladen, was stellenweise an New Wave erinnert. Auch den Keyboards wurde mehr Gewicht zugewiesen, was besonders deutlich beim getragenen Titeltrack und beim distanziert düsteren "glass rose" zum Tragen kommt.

Die ersten Hördurchläufe wirkt "night of your life", wie fast alle bisherigen Connelly-Alben, befremdlich. Der erneute, kleine Kurswechsel zwingt zum Umdenken und am Anfang erscheint das Klangbild komischerweise diffus - was es gar nicht ist, wie man nach drei bis viermaligem Hören bemerkt. Ganz im Gegenteil: Die CD ist höchst abwechslungsreich geraten und feingliedrig produziert. Durch den nicht sofort greifbaren roten Stimmungsfaden ist aber eine intensive Einarbeitung, gerade für Neulinge im Connelly'schen Kosmos vonnöten. Anfänglich lächerlich erscheinende Details, wie der repetitive Refrain in "Nicola 6" oder die Dap Da Da Dap-Lautmalerei in "Don't landslide away from me" wirken später wie selbstverständliche Hooklines und das mäandernde Gecroone im Titeltrack und dem wunderschönen "Respond to beauty", anfänglich etwas enervierend, sind später unverzichtbare Songbestandteile.
Unspektakulär wirkende Songs wie der Opener "Too long in my mind" fallen im Laufe des Eingewöhnens durch die genialen Gitarrenarrangments und Klangdetails im Hintergrund auf, das beim ersten Hören monoton wirkende "Stella (stand up and take your man)" entfaltet erst spät seine an Dreampop erinnernde, melancholische Sogwirkung.
Am schwierigsten zu überwinden ist freilich wie auch auf "Private Education" der Sound des begleitenden Drumcomputers. Zwar gibt es auf "night of your life" auch einiges an organischer Percussion, aber beherrscht wird der Rhythmus immer noch von dem etwas linkisch und monoton programmierten Computer, der wiederum nur die Basis der Songs darstellt - das eigentliche musikalische Leben spielt sich darüber ab. Selten nervt mich dieser Faktor immer noch, wie bei "Glass Rose", aber ansonsten sollte man sich damit arrangieren können, wenn man nicht zu genau darauf achtet.

Lyrisch ist das Album die vielleicht reifste Leistung Connellys (wenn man denn die Texte versteht - die liegen zumindest in der Import-Version leider nicht abgedruckt vor). Abwechslungsreich wird mit langen Gedichten eine melancholische, teils surreale und andeutungsreiche lyrische Welt aufgebaut, die aus vergangenen und zukünftigen Beziehungen besteht, aus Erwartungshaltungen und Angst vor Verlust, aus Hoffnung und weichem Ausblenden der Vergangenheit. Nicht ohne Witz und erfrischende Abschweifungen wie beispielsweise die schön ausgemalte Femme Fatale in "Nicola 6" (Nicola Sixx aus dem Roman "London Fields" von Martin Amis) beweist.

Definitiv eines der ausgereiftesten und auch auf Dauer lohnenswertesten Chris Connelly-Alben, wenn man sich mit den kleinen Merkwürdigkeiten arrangieren kann.


www.chrisconnelly.com


Ähnlich:
David Bowie, Scott Walker, John Cale, Morrissey, Edwyn Collins

16.04.2005
stativision (Tobias Goris)


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  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!