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cave, nick and the bad seeds - b-sides and rarities


Erscheinungsjahr: 2005
Label: mute
Tracks: 56
Spielzeit: 219:21
Genre: alternative
Subgenre: singer/songwriter
caverarities.jpg
Bewertung: 7/10

rating

Man kann es sich vor dem geistigen Auge lebhaft vorstellen: Nick Cave, hochgewachsen und schlaksig, mit pechschwarzen Haaren in naturgemäß zu kleinem schwarzen Anzug in seinem Arbeitszimmer, die lange Liste mit den bisher wenig beachteten B-Seiten, unveröffentlichten und auf Samplern verstreuten Songs in den Händen. Nick Cave im Tonarchiv, damit beschäftigt, sämtliche Quellen nach verwertbarem Stoff zu durchforsten. Herausgekommen ist "B-Sides and Rarities", veröffentlicht Frühjahr 2005. Minimalistisch aufgemacht in schwarzer Pappbox und leider ohne Liner Notes oder näheren Infos zu den Songs. Immerhin mit jeweiliger Besetzung und Angabe von Herkunftsort und -jahr. Und zu einem günstigen Preis von 20 Euro, drei CDs zum Preis von zwei. Meckern sollte man woanders.


Die beachtlichen Fakten:

56 Tracks auf
3 CDs, verteilt auf
3 Stunden
39 Minuten und
21 Sekunden, aus
38 verschiedenen Quellen, von
1984 bis
2004

8 Cover,
12 alternative Versionen bekannter Cave-Songs
34 selbst geschriebene Songs, die bisher nur schwer oder gar nicht erhältlich waren.

Und selbst hartgesottene Sammler dürften bislang nicht in den Genuss von "Sheep may safely graze", "Opium Tea" (unveröffentlichte Studio-Outtakes von 1996), oder "there's no night out in the jail" (1993, John Harold Ashe-Cover, von einem nie veröffentlichten Country-Coversong-Album) gekommen sein. Tolle Songs übrigens, alle drei. Ersteres hätte fabelhaft auf "the boatman's call" gepasst, obwohl es auf diesem Geniestreich eines Albums wohl einen der hinteren Ränge eingenommen hätte. Ganz anders "Opium Tea", das mit seiner Hammondorgel-Melodie (übrigens von Cave persönlich gespielt) Herzen nicht nur zu Vollmond verzaubert. Und erst dieser joviale, federnde Rhythmus. Nimmt den späteren, relaxteren Cave vorweg. "There's no night out in the jail" schließlich ist Country, wie man ihn sich von Cave in einer dreckigen Westernkneipe gespielt vorstellt. Mit leiernder Orgel, Besoffenen im Hintergrund, Schifferklavier und schlingerndem Gesang. Zumindest interessant.

Doch vorne angefangen: Ist nämlich kaum minder rar. Die Akustikversionen von "Deanna", "The Mercy Seat" und "City of Refuge" gab's nämlich ursprünglich nur auf der Bonus-7'' der limitierten Fassung von "The Good Son". So richtig überzeugen kann von den dreien aber keine. "Deanna" kickt im Original natürlich viel mehr, "The mercy Seat" ist auf der "Live Seeds" in einer eindringlicheren akustischen Version vertreten und "City of Refugee" ist etwas lustlos geraten. Wo wir gerade bei Akustikversionen sind: Auf CD II gibt es eine von "Jack the Ripper". Und die ist klasse! Die Originalversion war schon verdammt intensiv, hier jedoch haut die Pauke selbst den standfestesten Cave-Abhängigen aus den Latschen.
Zurück auf CD I gibt es ein paar eher belanglose Alternativ-Versionen (wenn überhaupt verändert) von Songs aus frühen Nick-Cave-Alben. Nicht der Rede wert. Erst "Rye Whiskey", ein bearbeitetes Traditional, lässt mit seiner Country-Wanderatmosphäre wieder Stimmung aufkommen und auch die anderen raren Endachtziger-Songs hinterlassen Eindruck, wie das seltsam produzierte, aber treibende "The Girl at the bottom of my glass" (das in etwa so klingt, wie der Titel vermuten lässt), der rührende "Train Song" (weckt nicht von ungefährt Assoziationen mit dem "Ship Song") und das vorsichtig gecoverte "Helpless" (Neil Young). Schlimm ist nur "Cocks 'n' Asses", eine von Drum Machine und Klavier unterstützte, monoton-düstere Klangcollage.
Auf der zweiten Seite von CD I kommen dann die versteckten und vergessenen Frühneunziger-Perlen an die Oberfläche. Überraschenderweise allesamt gelungen und durchaus Albumtauglich - besonders das bluesige "God's Hotel" und das von fantastischen Violinenmelodien getragene "(I'll love you) till the end of the world" sind klasse. Und zum Abschluss wird es mit "What can i give you" nochmal so richtig exklusiv: Der etwas kitschige Song war damals lediglich auf einer französischen Promo-Version von "Henry's Dream" vertreten.

CD II steht ganz im Schatten von Cave's Hitphase Mitte der Neunziger und bietet demnach nicht ganz so viel Rares. Dennoch startet das Teil mit einem Paukenschlag: Cave hat seine Kollaboration mit Shane McGowan ausgegraben, deren drei Derivate bisher nur auf der limitierten "What a wonderful world"-Single anno 1992 enthalten waren. Dabei ist das gleichnamige Cover eines der besten, die Cave je eingespielt hat. Etwas morbide, aber durchaus nicht hinter der Schönheit des Originals zurückstehend. Wie zwei kaputte Lebemänner, die nach einer durchzechten und verhurten Nacht in ihrer eigenen Kotze aufwachen und dort farbenfrohe Muster erkennen.
Anschließend singt Cave gekonnt "Rainy night in SoHo" und McGowan hickst sich charmant durch "Lucy", welches so eher nach Tom Waits klingt und endlich mal eine Brücke zwischen den beiden Großmeistern des düsteren Songwritings herstellt.
Mit dem free-jazzigen "That's what jazz is to me" und dem lärmenden "King Kong Kitchee Kitchee Ki-Mi-O" gibt es noch zwei exquisite Schrägheiten, während "Where the wild roses grow" mit Bargeld als zweite Stimme (hat man auch schon oft genug live erlebt) und das hier dreigeteilte "O'Malley's Bar" nicht hätten sein müssen.
Wer den Hidden Track auf dem "X-Files Album" bis heute nicht gefunden hat (remember: Zurückspulen), wird hier nochmal mit der Nase drauf gestoßen. Und "Time Jesum Transeuntum et non riverentum" ist mit seinen gesprochenem Text zwar kein gewöhnlicher Cave, aber gut und schon wegen der klagenden Violine eine Empfehlung wert. "Red Right Hand" mit Orchester, in "Scream 3" verwendet, gibt es als Abschluss. Naja.

Volume III führt uns schließlich durch die verborgenen Cave-Songs der Mittneunziger bis heute. Das reifste, aber auch zahmste Material der Kollektion. Dennoch oder gerade deswegen bieten "Little empty boat", "Come into my sleep", und "Little Janey's Gone" Stoff für mehr als einen rotweingetränkten Abend.
Doch so ganz ohne Ausflippen schafft's auch der gestandene Mittvierziger-Cave nicht: Auf "Babe, i got you bad", "good good day" und dem Lenoir-Cover "I feel so good" (der Wenders-Blues-Doku "The soul of a man" entnommen) darf zünftig gerockt werden. Auch die ganz hinten stehenden "She's leaving you" und "Under this moon" stehen nicht gerade für Besonnenheit - aber die sind ja auch Singles von "Abbatoir Blues/The Lyre of Orpheus" entnommen, auf der auch nicht gerade mit lauten Tönen gespart wurde.

Kaum ein Künstler, bei dem eine solche Kompilation mehr Sinn gemacht hätte. Ein wenig mehr Orientierung durch eine sinnvollere Tracklist und Notizen zu den raren Perlen und auch mehr Vollständigkeit (ein paar B-Seiten und auch die Raritätencompilation "Murderous Ends" wurden übergangen) hätten der Box zwar gut getan, aber auch so kommt keiner über das Teil hinweg, der auch nur etwas mit Cave anfangen kann. Dazu sind einfach zuviele Schönheiten in dem schwarzen Kästchen. Klar ist auch eine knappe Stunde überflüssiges Zeugs zu finden (das aber nichtsdestotrotz zu schade wäre, irgendwo in der Ecke zu verstauben), aber gleichzeitig kann man aus diesen drei CDs ein siebzig-minütiges Album destillieren, das locker die Hälfte der übrigen Cave-Alben in die Tasche steckt. Tracklist? Bitteschön:

the girl at the bottom of my glass
the train song
(i'll love you) till the end of the world
blue bird
god's hotel
what a wonderful world
lucy
jack the ripper (acoustic version)
the ballad of Robert Moore and Betty Coltrane
King Kong Kitchee Kitchee Ki-Mi-O
time jesum trenseuntum et non riverentum
opium tea
come into my sleep
babe, i got you bad
i feel so good
everything must converge
she's leaving you
under this moon

Voilá, wohl bekomm's.

02.06.2005
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!