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black manual - mordendo


Erscheinungsjahr: 2013
Label: brigade kommerz
Tracks: 7
Spielzeit: 47:04
Genre: experimental
Subgenre: electronic/candomblé/world
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Bewertung: 7/10

rating

Wenn die deutschen Electronica-Tüftler Mouse on Mars auf brasilianische Musik treffen, dann kann es leicht zu einer vorgefertigen Meinung kommen. Feurige Sambarhythmen digital verfremdet und durch elektronische Beats ergänzt wäre die offensichtlichste und vielleicht naheliegendste. Gerade im Zuge der Verwestlichung des brasilianischen Batucada und des angolanischen Kuduro hätte man derart die Tanzflächen füllen können neue Fans gewinnen können. Gerade im Zuge der in Brasilien ausgetragenen Fußball-WM hätte dem Projekt ungeahnte Popularität verschaffen können - eine Veröffentlichung ein halbes Jahr vor dem Beginn der WM legt das sogar Nahe. Wer Mouse on Mars oder vielmehr deren hier hauptsächlich beteiligten Jan St. Werner aber besser kennt, weiß, dass ein solches Szenario eher zu den Ungewöhnlichen gezählt hätte. Statt auf populärere afrobrasilianische musikalische Strömungen zurückzugreifen, ist Black Manual ein Projekt mit Musikern, die Candomblé zelebrieren: Salopp gesagt, eine Art afro-brasilianischer Voodoo, eine Religion, die u.a. mit Hilfe von Rhythmen den Austausch zwischen Menschen und Göttern fördern soll - Musik also eher als Mittel zum Zweck betrachtet. Was passt: Ist nicht am Ende auch die Musik von Mouse on Mars, heftig verzwirbelte, elektronisch produzierte Ekstase und, wenn auch oft kopflastig, mit Rausch verbunden? Ohne jemals einer Candomblé-Session beigewohnt zu haben, sehe ich "Mordendo" durchaus als eine Synthese von eher kopflastiger Herangehensweise und aus dem Bauch kommenden Trommelsessions - beides trifft sich dann in der instinktiven Mitte. Im Gegensatz zum rein perkussiven, sehr hypnotischen Candomblé, ist "Mordendo" wesentlich schwieriger zugänglich. Der experimentelle Hintergrund der Musiker wird deutlich und es ist fast schon absurd, wie hier Krautrock auf komplexe, im Original sehr mitreißende Rhythmen trifft. Ist man im klassischen Candomblé binnen Sekunden in Trance, fordert "Mordendo" wesentlich mehr. Gewiss gibt es auch hier die typischen tribalartigen Passagen, die aber ergänzt und unterbrochen werden durch geisterhafte Rauschen, elektronisches Fiepen und an- und abschwellende Geräuschwellen. Die portugiesische Lyrik, die Beschreibung von Candomblé, die in mehreren Songs von einer sehr neutralen, Erzähler- oder Erklärerhaften Stimme vorgetragen wird, trägt auch dazu bei, dass dieses musikalische Experiment lange die Aura des Rätselhaften, unerschließbarem umgibt. Die Strukturen der Tracks sind geisterhaft: Das bereits erwähnte An- und Abschwellen hat hier Methode und findet sich auch in den Candombérhythmen wieder: Die Trommeln kommen und gehen, werden lauter, leiser, Ebbe und Flut, es bleibt der einzige Naturbezug, auch wenn man natürlich im Zuge der Veröffentlichung viel von "organisch" schreiben könnte. Bei all der düsteren, geheimnisvollen Kraft, die "Mordendo" umgibt, hätte ich mir dennoch mehr Hypnose und weniger Ablenkung gewünscht. Mehr brachiales Chaos wie in "Batalha", in dem auch der Sprecher plötzlich im Hintergrund wütet. Andauerndere Rhythmen, die etwas Unendlichkeit in die Musik bringen. Vieles auf "Mordendo" wirkt schnipselhaft, wo mir der Sinn dieser improvisierten Collage nicht ganz klar wird. Die Herausstellung der Gegensätze? Vielleicht aber auch nur ein unbewusstes Sich-Selbst-im-Weg-stehen. Die dennoch natürlich immer wieder vorhandene Passagen auf "Mordendo", in denen die Spiritualität und Kraft der Rhythmen auf den Wahnsinn und einschneidenden Electronica-Komponenten treffen sind dafür umso mächtiger und geben einen Eindruck von der Überwältigung, die die Synthese von Candomblé mit "westlichen" Geräuscharrangements haben kann. Einzelne Songs herauszuheben macht hier wenig Sinn, oft habe ich den Eindruck, dass die Grenzen willkürlich gesetzt werden und sich Passagen in anderen Songs oft stärker ähneln als die hintereinander wegfolgenden in ein und demselben Track. Am überwältigendsten und die Essenz des Albums am Besten einfangend ist vielleicht "Anjos des sombras". Auch für Mouse On Mars-Kenner gut geeignet, da das Projekt hier Geräuscheskapaden, die man so schon bei Mouse on Mars gehört hat, hier mit verhältnismäßig konstanten Percussioneinstäzen verbindet - zumindest in der ersten Hälfte der zehn Minuten. Für ganz Unbedarfte sind die Rhythmen auf dem anschließenden "O rei e a rainha dancam pela cidade" die am einfachsten zu Verfolgenden, da relativ geradlinig. Auch, wenn sich der Song nach zwei Minuten in ein düster-dräuendes Dröhnen verwandelt, bevor die portugiesische Erzählstimme einsetzt, geradezu eingängig.

Am Ende bleibt wenig Erkenntnis, etwas Ekstase und viele interessante Ansätze, glücklicherweise fernab von alldem, was gemeinhin im "Weltmusik"-Regal so steht. So ähnlich wie "Mordendo" endet, mit monotonen Basstrommeln ist auch eine kurze Passage im ersten Track bei etwa fünf Minuten. So funktioniert dieses Album am Besten: Oft hintereinander und laut hören. So bekommt man, vielleicht, eine Ahnung vom wahren Candomblé. Und hier ist zum ersten Mal seit langem, wo ich den Sonntag nicht verachte, sondern als Nichts-Tun-Tag lobe: "Mordendo" funktioniert am Tag des Herrn am Besten...


Ähnlich:
mouse on mars, Arto Lindsay, Brian Eno, David Byrne, John Hassell, Iannis Xenakis, steve reich, kronos quartet

22.02.2015
stativision


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  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!