. .

aphex twin - drukqs


Erscheinungsjahr: 2001
Label: warp
Tracks: 29
Spielzeit: 100:54
Genre: beats/elektro
Subgenre: elektronika
aphextwin.jpg
Bewertung: 9/10

rating

Die Szenerie: Ein Zelt. Schwarz-Rot-gestreift die Plane. Cut. Eine Fratze. Ein diabolisches Grinsen. Cut. Wieder das Zelt. Die Fratze springt auf einmal unerwartet durch das Zelt, grinsend. Abstoßend. Tausende Fratzen - verborgen zwischen wunderschönen Kurven. Wie ein Poltergeist. Harmlos, aber doch verstörend und vor allem störend. Wie ein Zirkus in der Hölle. Ohne Elefanten, dafür mit Hyänen, die Männchen machen und die Zeitung bringen. Die Oberfratze inmitten einem Chaos aus Nihilismus, Überlegenheit und dem Geruch von Erbrochenem. Kriechende Mitleidsbekunder, die mit dem Arsch in der Luft ihrem Unmut freien Lauf lassen. Inmitten von Kakerlakenfeldern aus schwarzem Dunst, die die Kehle zuschnüren, weil Du ihnen nicht folgen kannst.

Cut. Landschaft. Der Himmel rot, die Sonne grün, das Gras blau - während ein neongelber Schmetterling versucht eine nach Scheiße stinkende Pflanze zu befruchten. Ein Stillleben ohne Stille. Mit weißen Tupfern im schwarzen Schnee, die dem Ganzen einen Lebkucheneffekt geben. Zum reinbeißen, selber basteln, Freunde finden und töten. Ein Freiflug in Sphären voller Anmut. Ferne Klänge, die schweben. Zum Wohlfühlen. Wärme, Geborgenheit und irgendwie das Gefühl, dass nichts so bleiben wird. Vermutung: Dekadenz, Hölle, Dämonen. Oder doch Koks, Weiber und Fertigprodukte.
Während krachende Breakbeats auf Ambient-Landschaften treffen. Während Menschen von Hochhäusern fallen und Fettflecken hinterlassen. Während der Admiral seinem Kater einen bläst. Während Provokation mit der Gewissheit des Todes flirtet. Während blaue Bäume Mißgeburten gebären, die eklig-schleimig auf dem Boden umherkriechen und um Essen flehen. Mit kleinen, verkrüppelten Augen und verkürzten Extremitäten. Wie im Traum Orgien feiern, die man mit nichts auf der Welt vergleichen kann, während Raumschiffe zu leben beginnen.
Ein Müllberg aus dem eine rote Rose wächst. Eine Rolltreppe, die in ein schwarzes Loch führt. Ein Phallussymbol in Wolkenform. Ein DJ vor Publikum. Und immer wieder diese Fratze, die einem den Schlaf raubt. Freudig erregt, immer bereit Schmerzen zuzufügen. Unzugänglich und meist einen Schritt voraus. Weg vom Schafott, rein in das wilde Vergnügen. Ein Datenkabel mit Kanälen in die Unendlichkeit, während sich Pandabären im Unverstand paaren. Eine wilde Party mit Eiter-Punsch. Ein Krebskranker, der an einem Lachanfall stirbt. Ein Piano auf der Wiese - ein junges Mädchen in einem ordentlichen Kleidchen übt. Die Sonntagsidylle, während irgendwo Krieg tobt und Gedärme durch die Luft fliegen. Wo Käfer auf dem Schlachtfeld ihre Henkersmahlzeit zu sich nehmen. Wo verwesende Leichen gut für den Boden sind. Ein Galgen, an dem ein riesenhaftes Kondom baumelt, in dem noch ein abgeschlaffter Penis steckt.

Cut. Eine Autobahn. Venen, Adern, Arterien. Blutkörperchen. Rasend schnelle Bewegungen. Die Zeit ist knapp. Schneller, weiter, höher. Über das Ziel hinaus! An der Leber vorbei ins Herz. Rechte Kammer, Linke Kammer. Stillstand. Der Patient geht von uns. Freie Bahn. Durch die Lunge ins Gehirn. Infiltration. Abschöpfung. Kaum Widerstand. Klebrige Flüssigkeit. Das Epizentrum. Ströme. Brei. Sex. Schlechte Übertragung. Ein Bild aus frühster Kindheit. Mit der kleinen Schwester vor dem Sandkasten. Die Schwester ist tot, weil ein Mensch sich nicht beherrschen konnte. Blende auf das Blut. Sie starb unter großen physischen und psychischen Schmerzen. Verarbeitet? Ja. Verkraftet. Nein. Kruste in der Rinde. Ein Rinnsal. Ein Golfball-großer Tumor. Das Ende.
Und immer wieder diese Fratze. Das Zelt. Die Insekten. Die Hölle. Die Plane. Das Chaos. Modergeruch. Poltergeist. Das Böse. Die Dunkelheit. Der Trip! Es kommt näher. Wackelkontakt. Ohrenflimmern. Schmerzen. Völlig unvermittelt: Die letzten Zuckungen. Ein Puzzle, welches man eigentlich nicht verstehen kann. Ca. 666 Teile. Zwei fehlen. Viel Spaß.
Schreie, die wie ein Messer klingen. Wie aus der Waschmaschine in einer anderen Dimension. Wie etwas, was die Unterwelt gesehen hat. Das Unvorstellbare. Das namenlose Grauen im ewigen Eis. Ein elektrisches Höllenschaf blökt seine Sinfonie des Grauens in das Nichts, während wir am Rand stehen und uns fragen, ob Wasser in Wirklichkeit überhaupt eine Farbe hat oder doch nur durchsichtig wie z.B. ein Hochhaus ist. Die Vierte. Verschmelzung von Raum und Zeit. Völlige Loslösung aller geltenden Gesetze. Gravitationsantrieb. Seelische Kontakte mit Außerirdischen, die unserem Gehirn entspringen und ein ganzes Volk Lügen straft.
Während sich die Fratze weiterhin einen Spaß daraus macht, Kinder zum Weinen zu bringen. Während irgendwo ein glücklich Verliebter seine zukünftige Frau findet. In der Küche und im Bad. Ein digitaler Schrei auf dem Datenhighway des größten Drecklochs des Universums.
Big Beat. Auch. Alles schallt, alles bebt, alles tanzt, alles freut sich. Bunnies am Strand, Stecher im Bett, Partys im Freien, Teenies, die ihre Jungfräulichkeit reihenweise verlieren, weil sie denken verliebt zu sein. Motten, die Kleider fressen. Kleider, die Motten fressen.
Und immer wieder diese Fratze. Ein Roter Baum auf dem unförmige, farblose Früchte wachsen, die sich in eine glibberige Flüssigkeit verwandeln, wenn man sie scharf genug anschaut. Ein Strom, der alles unter sich begräbt. Lava aus Dunst. Geplatzte Eiterpickel im Ohr. Verkrustete weibliche Geschlechtsorgane führen einen Veitstanz auf und begraben radfahrende Ärzte unter Tonnen von Schweiß und Herzklopfen. Oben Ohne. Und doch geht alles gesittet zu. Der perfekte Schwiegersohn wartet auf seine Bewährungsprobe, während seine Milz den Geist aufgibt.

Japan. Nippon. Nippel. Das geheiligte Land irgendwo auf der Insel. Wo es die Höschen noch in Automaten gibt. Wo alles ein wenig anders läuft. Wo Frauen mit Essensstäbchen masturbieren. Da ist Leben drin. So klingt das also. Musikalische Reisebekundungen. Schlitzaugen im Reisfeld des Lebens. Es sind die Augen der Fratze. Ein verzerrtes, fast menschenähnliches, aber doch grauenhaftes Gesicht. Mit langen schwarzen Haaren und einem irren Blick. Ja, das ist er. Das ist Richard D. James. Vielen auch bekannt als Satan. Oder Aphex Twin. Fragt sich nur, wo der Unterschied ist. Schließlich sind seine CDs regelmäßig der Soundtrack zu einer Party in der Hölle.

Ein kleines Kind, allein. Es weint. Ein Vogel landet auf seiner Schulter und fängt an, dem Kind die Augen auszupicken. Das Kind kann sich nicht wehren. Der Vogel erwischt einen Augapfel incl. Sehnerv und fliegt von dannen. Das Kind weint noch mehr, sieht rot und hat Schmerzen. Es lebt noch etwa fünf Minuten. Dann stellt sich die Ohnmacht ein, aus der das Kind nie mehr erwachen wird. Vermissen wird es niemand. Doch trotzdem gibt es eine entsprechende Trauermesse, die obwohl sie auf einer Silberscheibe eingesperrt ist, klingt, wie wenn eine große Kathedrale im All eigens dafür erbaut wurde. Ein Geflecht aus Weben, Kokons und Geflechten aus Fleisch bewohnt diesen Dom. Man fühlt sich wohl. Um 5 Uhr morgens wird der Dom 28.

Der Zirkus. Ein Jahr danach. Verlassen, öde. Überall liegen ausgetrocknete Panzer und Krusten von Insekten herum. Der ein oder andere Mensch/Tier-Kadaver findet sich auch noch. Das Leben ist verschwunden. Die Fratze hat zerstört und keine Lust mehr gehabt. Die Vasallen haben das Weite gesucht, während die Küstenwache Rettungsboote aussendet, um eine Frau vor dem Ertrinken zu retten. Die Frau bekommt zwar wieder Festland unter die Füße, doch so aufgedunsen, wie sie aussieht, kann sie den Augenblick wohl nicht wirklich genießen. Gerüchten zufolge dauerte es einige Zeit, bis man die Leiche einäschern konnte - aufgrund der Feuchtigkeit in Hirn, Herz und Lunge.

Ein Hieb, ein Hieb. Und alles ist aus. Überstanden könnte man sagen. Wie ein Regenbogen am Horizont, so befreit klingt auch "Drukqs" am Ende seiner Reifezeit. Einerseits ein Happy End, andererseits tragisch, was für eine Schneise der Verwüstung das Album hinterlassen hat.

Bei diesem Album kommt es nicht darauf an zu wissen, wie es klingt (zumal man das auch nach oftmaligem Hören nicht weiß), sondern, was man beim Hören fühlt. Ein Beispiel soll hiermit geliefert sein. Richard D. James ist der Meister der makabren elektronischen Musik. Der Virtuose der wirren Versponnenheiten, der Wohltäter der kleinen Details, der Papst des räumlich-befreiten Klanges und der Teufel des Audio-Schmerzes.
"Drukqs" ist ein beeindruckendes Statement, auf zwei CDs verteilt. Mal hui, mal pfui. Aber letztlich so schwer zu erfassen, dass eine Urteilsbildung fast unmöglich ist. Zuweilen kann man seine Meinung nach jedem Hördurchgang durchaus in jegliche Richtung revidieren. Ein vertontes Geheimnis, welches nur ein kleines Sandkorn im Muster der Richard D. James´schen Genialität darstellt.


Ähnlich:
Squarepusher, Kid 606, Mouse on Mars, Boards of Canada, Two lone Swordsmen, Autechre, µ-ziq, the orb, fetish 69

19.03.2005
hlmr


:: Comments ::


Comment
Name:

Comment:

Security question, please solve:

EGC         TJP      
7 U    J    H S   2TS
XRK   QUH   TNP      
  I    1      7   P93
3TK         1H9      



Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!