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amplifier - amplifier


Erscheinungsjahr: 2004
Label: music for nations
Tracks: 13
Spielzeit: 63:03
Genre: alternative
Subgenre: alternative rock
amplifier.jpg
Bewertung: 9.5/10

rating

"Amplifier take Led Zeppelin, The Who, The Police, Mogwai, Massive Attack, Bowie and Brad - in fact just about anything of any quality, and exhale it through a cloudburst of guitar pickups and distortion pedals."

Ein Zitat aus der offiziellen Bandbiographie. Und es stimmt. Eigentlich bräuchte man zu dem selbstbetitelten Debüt des Trios aus England keine weiteren Worte verlieren. Eigentlich.

Aber "Amplifier" ist nun mal ein besonderes Album, so dass es sich lohnt, doch noch ein wenig mehr zu erzählen. Die Newcomer (die Band existiert seit 1999) und vor allem Bandkopf Sel Balamir haben hier zehn Songs ausgetüftelt, die allesamt in sich so geschlossen sind, dass es eine wahre Pracht ist, sich den Emotionen und Stimmungen hinzugeben, die Amplifier auf Band gebracht haben.

Die Songs werden von einer ganz besonderen Melancholie umspült. Sie sind nicht wirklich traurig, nicht wirklich tragisch, aber doch von allem etwas. Ein wenig bittersweet, aber gleichzeitig auch so schön, dass man nicht nur eintauchen will, sondern muss. Es geht nicht anders. Amplifier erzeugen die perfekte Katerstimmung. Wenn man nach einer durchzechten Nacht aufwacht - allerdings nicht zwingend nach einer Party. Mehr nachdem man etwas ziellos durch die menschenleere Stadt gelaufen ist, während man den ein oder anderen Alkohol vernichtet hat. Während man sich gefragt hat, was das alles eigentlich soll. Warum man dies und jenes nicht getan hat und warum man einfach nicht restlos glücklich sein kann. Warum diese und jene Beziehung damals zerbrochen ist. Warum man manchmal einfach Dinge tut, die man eigentlich gar nicht tun will.

Amplifier rocken, aber nachdenklich. Die Handbremse wird nie ganz gelöst. Immer smooth, nie zu schnell. Lieber ergeben sich die Drei in wabernde Soundteppiche, die allerdings weit von irgendwelchen Stoner Rock-Bands entfernt sich. Lediglich Kyuss (R.I.P.) schauen in kurzen Blitzen vorbei und wenn, dann auch so dezent, dass man sich fragt, ob man sich gerade verhört hat. Ob die CD nicht so eine Art Eigendynamik entwickelt hat. Drogen spielen bei Amplifier eine große Rolle - das mächtige Grün hat dabei lediglich eine untergeordnete Rolle. Sänger/Gitarrist Sel beschreibt lieber billige und schlechte Trips, die allerdings lediglich zur Umgebung beitragen, nie die Hauptrolle spielen. Vielmehr geht es um Gefühle. Große Gefühle. Gefühle, die man nicht mag, trotzdem hat und doch mag. Weil man ohne sie nicht leben könnte. Amplifier sind der Katalysator.

Ganz groß wird es, wenn sich Sel in schwindelerregende Höhen soliert, die sonst nur Godspeed You! Black Emperor in einem völlig anderen Kontext benutzen. Der Schluss des fast neunminütigen Gänsehautsongs "Airborne" ist ein sehr gutes Beispiel. Im Verlauf des Stückes durchlebt man soviel, wie sonst auf kompletten Alben von anderen Bands. Und das ist bei den restlichen neun Songs auch nicht anders. Großes Kino, ganz klar. Breitwand. Sel ist sowieso der Mittelpunkt - nicht nur wegen seinen Gitarrenteppichen, sondern auch wegen seiner Stimme, die schwer einzuordnen ist. Weder ergibt er sich hohen, emolastigen Gesängen wie Dredg oder Coheed And Cambria sie nutzen, noch macht er einem Ville Valo oder Pete Steele Konkurrenz. Beides würde wohl zur Musik passen, trotzdem geht einen Sel einen tollen Mittelweg. Letztlich fügt er sich wie ein Mosaik in den Gesamtsound ein. Und obwohl Sel als alleiniger Songwriter, Produzent, Sänger und Gitarrist ganz klar der Star der Band ist, wäre er ohne seine Mitstreiter Matt Brobin und Neil Mahony rein gar nichts. Matt trommelt dermaßen trocken, verschachtelt und warm, dass es eine wahre Freude ist. Neil stopft mit seinem teils verzerrten Bass elegant jedes Soundloch, welches Sel durch die begrenzten Möglichkeiten von nur einer Gitarre zwangsweise hinterlässt. Zusammen ergibt das eine hochkomprimierte Mischung - so zusammengepfercht, wie selten ein Trio klingt. Kein Wunder, dass jemand einst über die Band sagte, dass sie "the biggest three piece in the world" wären. Wie recht er hatte. Wie recht.

"Amplifier" strotzt nicht nur vor Melancholie, sondern auch vor lasziver Indifferenz. Ich will nicht Verzweiflung sagen, da das Album klingt, wie wenn man sich schon mit seinem Schicksal abgefunden hätte. Und nichts dran ändern will, selbst, wenn man könnte. Vor allem ein Song wie "Old Movies" unterstreicht dies eindrucksvoll. Man gibt sich hin. Man lauscht. Am besten über Kopfhörer, denn "Amplifier" ist kein Nebenher-Album, obwohl die Musik andere Stilmittel benutzet, als die schon erwähnten Mogwai. Amplifier sind da eher mit Isis verwandt. Die machen ebenfalls untypische Kopfhörermusik. Sogar musikalisch sind die beiden verwandt, auch wenn Amplifier allein durch den Gesang etwas massentauglicher tönen. Jedoch haben beide eine Vorliebe für lange Songs. Lediglich zwei Songs auf "Amplifier" kratzen nicht an der sechs Minuten-Schallmauer. Logischerweise die beiden Singles "Neon" und "The Consultancy". Bezeichnend, dass die Songs nicht die idealen Singles sind, sondern nur aufgrund ihrer Länge gewählt wurden. Denn "Amplifier" ist kein Single-Album. Man kann dem Album nicht einfach einen Song ausreissen. Bei Menschen ist das ähnlich: Der Mensch als Ganzes zählt. Wer will schon einen Arm als Lebenspartner? Eben. Plattenfirmenpolitik.

Das Cover der CD wurde ebenfalls sehr gut gewählt, denn es sieht so aus, wie das Album klingt. Ein Triptychon, das eine strahlende Sonne ohne blauen Himmel andeutet. Ein paar Wolkenfetzen im dunklen Himmel. Das ist "Amplifier". Das sind Songs wie "Post Acid Youth" ("Escaped the prison they called the head and glittered the bones of the young and dead"), "Panzer" ("Hallelujiah! Hallelujiah! The missile can fly -
decode the cypher, the cryptic message within a government health warning") oder "Motorhead" ("When we could feel the cheap drugs squeezing through our veins, like a million girls and boys, i'm just another grainy brick in a wall of noise"). Switch it on/off.

Für die Abende daheim. Allein. Der imaginäre Strick. Mit die spannendste Rockband, die uns England in den letzten Jahren serviert hat. Wunderbar.

The Big Mushroom Cloud.


Ähnlich:
Oceansize, Isis, A perfect circle, Led Zeppelin, Mogwai, Brad, Kyuss, Godspeed you! black emperor, Dredg, Coheed and Cambria,

13.03.2005
hlmr


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!