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air - 10.000 Hz legend


Erscheinungsjahr: 2001
Label: virgin
Tracks: 11
Spielzeit: 60:48
Genre: beats/elektro
Subgenre: elektropop
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Bewertung: 7.5/10

rating

Lange wusste ich nicht so recht, was ich von der neuen Veröffentlichung des französischen Electro-Duos Air halten soll. Die Merkwürdigkeiten fangen ja schon bei der Veröffentlichungspolitik des französischen Duos an. 10.000 Hz Legend ist trotz vier CDs der Band erst das zweite offizielle Album der Beiden, wenn man von dem Soundtrack zu "The Virgin Suicides" und der Neuveröffentlichung ganz alter Songs auf "Premier Symptomes" absieht.

Auf ihrem Debut namens "Moon Safari" bot man reichlich leicht zu konsumierenden elektronischen Stoff (um nicht easy listening sagen zu müssen), der frisch, lasziv und träumerisch daherkam und die halbintellektuelle Musikwelt im Sturm eroberte. Endlich einmal trafen sich Männlein und Weiblein beim Musikgeschmack, Studenten schwelgten in den süsslichen Klangwelten der Franzosen und Kritiker überschlugen sich teilweise vor Begeisterung ob des (gar nicht mal) so neuen Sounds.

Und jetzt, fast vier Jahre später hat man von Air bis auf alle Ewigkeiten das Bild vom sexy Boy im Kopf, das des von Blümchensex im Park träumenden Gelehrten, oder von tiefgründigen, sauberen Fischteichen.
Bis in alle Ewigkeit?
Denkste!
Air brechen erstmals nach drei ähnliche Klangwelten durchforstenden Alben in neue Sphären auf - 10.000 Hz Legend spielt nur noch teilweise mit der fantastischen Leichtigkeit der Symbiose von menschlichen Gefühlen und computergenerierten Sounds.
Und das zu allererst im Artwork: In eine australisch anmutende Landschaft wurde ein Gebäude reingeknallt, das auch von Dali hätte gestaltet sein können. Und doch, auf eine gewisse Art und Weise harmonieren diese Beiden Gegensätze, futuristischer Betonklotz und rostrote Wüste auch noch. Unverschämtheit.
Und in diesem Gebäude, so will uns das Backcoverfoto sagen, entstanden die 10 kHz Legends, vollgestopft mit hochmodernen Synthesizern und Mischpulten, dabei mit Blick auf die menschenleere Landschaft.
Dass dabei ein irrwitziges, teilweise selbstironisches und dabei oft sogar noch schön reinlaufendes Album geworden ist, war nur anhand der fertigen CD zu erwarten.

Ich wage sogar zu behaupten, dass 90%, die von Air ein zweites Moon Safari erwartet haben, ein wenig enttäuscht werden.
Nicht komplett natürlich, mit "Lucky and Unhappy", sowie "People in the city" gibt es auch hier wieder laszive, verfremdete weibliche, männliche und androgyne Gesänge über weichen Beats und anachronistischen Keyboardmelodien zu hören.
Wobei anscheinend mehr Wert auf die Texte gelegt wurde. Kaum ein Lied kommt noch, wie auf dem Debut, mit keinen oder wenigen Textzeilen aus. Mit dem Pink Floydesken "Radian" (Nomen est Omen) und dem Abschluss "Caramel Prisoner" gibt es lediglich zwei Instrumentale, besonders das erste - geschickt platziert - dämpft die Stimmung nach dem eher klassischen songwriterischen, bodenständigen, mit Beck komponierten "the Vagabond" und entführt den Hörer in sphärische Klangwelten, weswegen die 7 Minuten auch nicht zu lang sind. Die braucht es einfach, um den Rezipienten zu entführen. Man muss sich nur darauf einlassen.
Und auch der Anfang ist eher weit draußen, obwohl Text und Titel programmatisch erscheinen: "Electronic Performers". Die Lyrics dazu lesen sich so, als seien sie von einem Soundtüftler aus Liebe zu seinen Geräten geschrieben worden.
Musikalisch halten allerdings die Streicher und die Schrammelgitarre gegen die elektronisch erzeugten, dicken Beats und die vocoderverfremdete, runtergepitchte Stimme, sowie die flächigen Keys und kleinen Samples.
Schnittstelle zwischen Mensch und Technik, die Forführung des Artworks und des Bandkonzepts. Trotzdem kein klassisches Airstück, denn zum Träumen eignet sich "Electric Performers" alleine schon wegen der im Vordergrund stehenden polternden(und trotzdem weichen) Beats nicht. In kritischen Momenten sogar kopfschmerzerzeugend.
Sanfter geht es mit "How does it make you feel" weiter. Klingt wie eine Liebeserklärung im Sims-Haus nach dem dritten Honigwein. Und ohne die schöne Pointe am Schluss wäre der Text nur halb so schön. Musikalisch gehört der Track zu jenen, die auch alte Air Fans ausreichend zufrieden stellen könnte. Bis auf die Stimme, die man eher von einem South Park Veteranen erwarten könnte, gibt's Wolken pur: Streicher, fluffige Akustikakkorde und sammetweiche Beats und Elektronik und sogar der Gesang im Refrain verwöhnt die Ohren mit Wattebäuschen.
Und mit den schon erwähnten "Lucky and unhappy" an sechster und "People in the city" an achter Stelle sind damit die Anknüpfungspunkte der alten Air wie eingangs angedeutet nahezu schon erschöpft!

Allein die Vorabsingleauskopplung dürfte schon für ratlose Gesichter gesorgt haben. Beinahe nicht einzuordnend kommt die Persiflage auf Hitradios (oder Radiohits?) daher. Ein paar Big Beats, schräge Mundharmonika, ein einschmeichelnder, wie aus einem Werbetext stammender Gesang und die unsäglichen Handclaps passen auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammen, wäre da nicht diese unsichtbare, zauberhafte Linie, die alles wieder zusammenwachsen lässt.
Und wenn sich am Schluss der soulige Gesang von Justin Meldal Johnson wie von einem britischen Radio-DJ penetrant über den eigentlichen Song legt, der inzwischen die Kurve zum Hi-Hat Geprassel fast vollzogen hat, ist klar, das Ganze ist ein recht bombastischer Witz und mutig, als Vorabsingle ausgewählt zu werden. Gerade weil es auf Dauer einer der schwächeren Tracks des Albums ist.

Genauso übrigens wie "The Vagabond". Von vielen Kritikern hochgelobt würde ich sagen, es klingt, wie eine B-Seite von Beck (was immerhin noch ein Kompliment wäre). Aber die Überraschung, dass es hier, auf einem Album der Vorreiter der neuen Electronica zu finden ist, lässt die Sache doch in einem anderen Licht erscheinen. Beck meets Air auf der Strasse, so klingt es. Als Song auf diesem Album leider zu schnell abgenutzt.


Ähnlich:
Phoenix, Beck, Sébastian Tellier, Etienne de Crécy, Pink Floyd, Spiritualized, Brian Eno, Massive Attack, Kruder & Dorfmeister

14.03.2005
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!